Sonuscore Esraj & Erhu
Sonuscore Esraj & Erhu

Sonuscore gehört zweifellos zu den renommiertesten Soundschmieden, die u. a. Plug-ins wie „The Orchestra Complete“ oder Elysion geschaffen haben. Mit der Sonuscore Esraj & Erhu-Library schickt man uns auf eine musikalische Reise durch Indien und China.

Bei beiden Instrumenten handelt es sich um traditionelle Streichinstrumente mit einem starken Klangcharakter, der uns sofort atmosphärisch in die entsprechenden Regionen versetzt.

Esraj (gesprochen „isradsch“) stammt aus Nord-Indien. Ein breiter Korpus mündet in eine Art Pfauenkopf. Das Instrument verfügt über 5 Spielsaiten und über zwölf Resonanzsaiten. Verwendung findet sie u. a. in der Mantramusik.

Erhu bezeichnet dagegen eine zweisaitige Fiddle, die durchaus auch noch in der zeitgenössischen chinesischen Musik Verwendung findet. So z. B. beim Shen Yun Symphony Orchestra.

Die Erhu, in deutsch Röhrenspießlaute, wird mit einem Bogen gestrichen und hat ihren Ursprung wahrscheinlich in der Mongolei. Wer mal die Music China besuchen durfte, der wird sich daran erinnern, dass in der traditionellen Abteilung vieler solcher Erhus auch heute noch angeboten werden.

Genug der Vorrede. Wer sich tiefer in die Materie einlesen möchte, der kann über Google jede Menge Literatur und Videos zu diesen Instrumenten finden.

Sonuscore Esraj & Erhu Test – Das Konzept

Die Library bietet drei verschiedene NKI-Instrumente:

  • Ethnic String Phrases.nki: Der Hauptbereich der Library
  • Erhu Legato.nki
  • Esraj Sustain.nki

Zum Betrieb wird die Vollversion von KONTAKT benötigt, obwohl Esraj & Erhu keine „Powered by KONTAKT“-Library ist und somit nicht über den Add-Library-Button in die KONTAKT-Liste eingefügt werden kann.
In KONTAKT ruft man die Ethno-Streicher dann auch nicht über „Library“ sondern über „Files“ auf. Danach geht man mit dem Programm um wie gewohnt.

Sonuscore Esraj & Erhu Test – Ethnic String Phrases.nki

Hier finden wir jede Menge (mehr als 670) fertiger Phrasen, gespielt auf den beiden Instrumenten. Die Bandbreite reicht von einfachen bis hin zu komplexen und auch längeren Varianten. Wir finden hier also keine „spielbaren“ Instrumente, sondern fertige melodische Patterns – wenn man das so nennen möchte. Diese lassen sich aber durchaus zu eigenen Phrasenketten zusammenfügen.

Der Aufbau ist recht einfach, die Bedienung beansprucht nur zwei Pages. Auf der Main Page sehen wir die Aufteilung in die zwei Instrumentenbereiche und in die insgesamt 19 Themes. Die Bezeichnungen der Themen, wie „Vestiges Of The Past“ oder „Departed Soul“ finde ich jetzt nicht unbedingt aussagekräftig. Wichtiger sind die dahinterstehenden Angaben in Klammern, die Auskunft über die Tonalität geben: Dur, Moll, mixolydisch etc.

Die Phrasen folgen keinem Taktschema bzw. Tempo und lassen sich daher auch nicht mit dem DAW-Tempo synchronisieren.

Um aber Tempoanpassungen vornehmen zu können, regeln wir mit der Speed-Funktion ein Time-Stretch, das die Ablaufgeschwindigkeit verändert, jedoch nicht die Tonhöhe. Der Bereich arbeitet zwischen 75% und 125% wirklich ohne jedweden Verlust in der Klangqualität. Man kann sich diese Funktion über MIDI learn auch auf das Modulationsrad oder einen anderen MIDI CC legen, um Live-Bewegungen damit aufzuzeichnen.

Es ist die Frage, was man mit den Phrasen machen möchte. Sollen diese Teil eines größeren Arrangements oder nur Farbtupfer sein? Oder will ich damit eine entsprechende Bildsequenz vertonen? Will ich diese in Zusammenhang mit einem Groove arrangieren, dann muss ich wahrscheinlich ein wenig „basteln“, um zu einem passenden Ergebnis zu kommen.

Die Phrasen sind teilweise sehr lang. Daher hat Sonuscore die Möglichkeit vorgesehen, den Sample-Anfang nach hinten verschieden zu können. Dies geht ganz einfach mit der Maus im entsprechenden Fenster, das das Sample grafisch darstellt. Man kann eine Phrase bis zum Ende durchlaufen lassen oder auch abbrechen. Letzteres erreicht man durch Loslassen der Taste. Das Ende ist dabei aber niemals abrupt.

Sonuscore Esraj & Erhu Test – Das Keyswitch-System

Das zentrale Steuerelement von Esraj & Erhu ist ein Keyswitch-System, das für alle Themes/Patterns gleichzeitig Relevanz hat und stets eingeblendet ist. Der User muss sich also nicht bei jedem Theme an eine andere Keyswitch-Belegung gewöhnen. Das macht die Handhabe einfacher.

Jedes Theme unterteilt sich dabei in 15 Patterns plus zwei Endings. Diese Patterns gliedern sich wiederum auf in fünf Startpatterns (blau), fünf Mittelpatterns (gelb) und fünf Schluss-Patterns (taubenblau). Macht also 15 Pattern je Theme. Dazu kommen noch zwei kurze Endings je Theme (grün), um auch schnell und sinnvoll aus einer längeren Phrase aussteigen zu können. Um auf die 670+ Themen zu kommen, muss man noch die Multisamples dazu nehmen.

Wir man in der Abbildung erkennen kann, sind die entsprechenden Bereiche farblich gekennzeichnet. Die Halbtöne haben in diesem Bereich keine Funktion.

Sonuscore Ethnic String Phrases Keyswitches
Sonuscore Esraj & Erhu Ethnic String Phrases Keyswitches

Anders ist dies im Fall der „Tonalität“ (rot), womit wir den Root-Key einer Phrase festlegen können. Die Grafik auf dem virtuellen Keyboard zeigt dabei eine ganze Oktave an, was mich im Umgang mit dem Plug-in etwas irritiert hat. Nicht alle Themes lassen sich über diese Range „transponieren“. Manchmal sind es nur vier oder fünf Halbtöne. Trotdem zeigt die virtuelle Tastatur eine ganze Oktave an. Geht man dann weiter, dann hören wir ggf. eine ähnliche, aber doch andere Phrase. Der Grund ist klar, die Phrasen selbst bestehen ja selbst aus Tonfolgen. Da könnte es schnell passieren, dass man bei einer zu starken Transponierung außerhalb der Range des Streichinstruments kommt. Und so bietet Sonuscore dabei ein Pattern mit einer ähnlichen Emotionalität an.

Zugegeben, die Keyswitches auf dem virtuellen Keyboard sind jetzt schon „sehr bunt“. Trotzdem hätte ich es vorgezogen, wenn man genau erkennen könnte, welchen Bereich ein- und derselben Phrase ich beeinflussen kann und ab wo man eine andere Phrase auslöst. Dies geht natürlich nur über eine zusätzliche Farbe. Übersichtlicher wär’s auf jeden Fall.

Ein Programmierer sollte immer bedenken, dass man als User gerade mit solch einer Library wahrscheinlich nicht tagtäglich umgeht und kaum die Keywitch-Belegung im Kopf behalten kann oder auch möchte.

Sonuscore Esraj & Erhu Test – Mehrere Themes gleichzeitig

Man ist aber nicht immer nur auf ein Theme beschränkt. Es besteht die Möglichkeit, mehrere oder auch alle Themes gleichzeitig zu aktivieren. Klickt man das entsprechende Kästchen an, färbt sich die dazugehörige Taste im Bereich „Change Preset“ rot (hier müsste es eigentlich „Change Theme“ heißen).

Der Wechsel eines Themes kann also auch über die Keyswitches gesteuert werden. Dabei kann sich der User, wie bereits gesagt, eine gewünschte Auswahl auf die Switches legen, um das Gesamtbild etwas überschaubarer zu machen.

Natürlich muss man nicht eine Phrase bis zum Ende laufen lassen und kann einfachen einen nächsten Ton spielen und damit eine neue Phrase triggern. Es passt dabei grundsätzlich immer, der Übergang ist fließend. Oder man lässt mehrere Phrasen parallel laufen, auch das geht. Wie man das gestaltet, das ist dann Geschmacksache.

Sonuscore Esraj & Erhu Test – Die FX-Page

Mit dem Wechsel auf die FX-Page stehen drei Effekte als Mastereffekte für das Pattern-Instrument zur Verfügung. Mastereffekt bedeutet, dass die Effekte auf alle aktivierten Patterns gleichzeitig wirken. Im Angebot sind ein Delay, ein Reverb und ein EQ.

sraj Erhu FX Page
Esraj Erhu FX Page

Der Equalizer ist als 4-Band-EQ ausgelegt und tut seinen Dienst. Beim Reverb habe wir die Auswahl zwischen verschiedenen Hallräumen und der Möglichkeit, ein Pre-Delay einzustellen. Außerdem gibt es hier noch einen Wet/Dry-Regler.

Beim Delay lassen sich die typischen Parameter einstellen: Time (Notenwert), einen Time-Regler, Feedback und Mix. Nicht möglich ist es, die Delay-Zeit an die Projektgeschwindigkeit in der DAW zu koppeln. Finde ich jetzt nicht ganz so tragisch, da ich bei einem Mix wahrscheinlich sowieso eine externe Effektunit hinzunehmen würde. Die gleichen Effekte gelten übrigens auch für die beiden zusätzlich NKI-Instrumente.

Sonuscore Esraj & Erhu Test – Erhu Legato.nki und Esraj Sustain.nki

Quasi als Bonus bietet das Instrument über einen Tonraum von knapp zwei Oktaven eine Erhu als spielbares Instrument für Legatospiel und einen Esraj-Klang mit Sustain. Irgendwann setzt allerdings beim Sustain dann eine hörbare Loop ein. Solange man das Instrument spielt und das Sustain nicht ausreizt, macht sich das nicht negativ bemerkbar.
Da beide Instrumente aber keinerlei Artikulationen anbieten, sehe ich beide Instrumente eher als eine Art Zugabe.

Sonuscore Esraj &Erhu Test – Die Bedienung

Der Aufbau ist mit zwei Pages relativ einfach gehalten, damit kommt der User relativ schnell zurecht. Kniffliger wird es dann mit dem Keyswitch-System, was aber eigentlich eine Problematik aller Keyswitch-Systeme ist. Arbeitet man nicht laufend mit einem Programm, dann wird man eine Keyswitchbelegung nicht immer präsent im Gedächtnis haben. Speziell dann, wenn man verschiedenen Plug-ins mit Keyswitches im Portfolio hat. Da ist dann stets ein wenig Einarbeitungszeit notwendig. Etwas unlogisch empfand ich die Belegung bei der Festlegung des Root Keys (Tonality). Da könnte man mit einem Update vielleicht eine etwas klarere Struktur schaffen (s. o.).

Will sagen, die Bedienung ist absolut in Ordnung. Sperrig könnte es werden, immer schnell das gewünschte Pattern aufzufinden. Welches Theme habe ich benutzt? Welche der 15 Phrasen des Themes war das nochmal? Für die Patterns selbst gibt es keine Beschreibung oder Namensgebung. Man muss sich halt das Theme merken, dann Intro, Middle oder Ending und dann eine der 5 Tasten (Phrasen). Nicht ganz einfach.

Vielleicht wäre es hilfreich, wenn die Länge der Phrasen mit angegeben werden würden, besonders dann, wenn man am Speedknopf dreht oder den Sample-Start versetzt. Wenn man bei der Post Production eine genaue Zeitvorgabe für eine Phrase hat, kann man sich damit die Arbeit ein wenig erleichtern.

Sonuscore Esraj & Erhu Test – Die Klangqualität

Die Klangqualität ist ausgezeichnet, alles klingt transparent und sehr direkt. Auch ist besonders bei den längeren Phrasen immer eine schöne Dynamik zu hören. Auch das Streichen der Saiten mit dem Bogen wurde gut eingefangen, was besonders bei diesen Instrumenten mit dem typischen „Kratzen“ verbunden ist.

Sonuscore Esraj & Erhu Test – Fazit

Die Zielgruppe der Ethnic Strings Phrases ist eigentlich fest umrissen. Wer Musik aus den Kulturkreisen China und Indien realisieren möchte, sei es z. B. im Bereich der Mantra-Musik oder aber auch zur Vertonung entsprechender Film- und TV-Passagen, der wird hier fündig.

Die Phrasen sind ready-to-use und garantieren schnelle Ergebnisse, was besonders bei der Videovertonung ein großes Argument ist. Ohne großen Aufwand lassen sich hiermit die entsprechenden Atmosphären zu einer Bildsequenz schaffen

Dabei stehen die fertigen jedoch sehr variablen (Speed, Sample-Start etc.) Phrasen im Vordergrund, die man ja noch beliebig mischen kann. Die Klangqualität ist exzellent, alle Nuancen dieser speziellen Streichinstrumente sind da.

Gerade die Kolleginnen und Kollegen aus dem Bereich der Post Production können damit preiswert (die Library kostet 99 Euro) und vor allem schnell die gewünschten Atmosphären in einer professionellen Qualität erzeugen. Diese Investition kann sich schnell amortisieren.