Spätestens seit der Behringer Poly D das Licht der Keyboardwelt erblickt hat, ist der Begriff „paraphon“ wieder in der Diskussion, obwohl das Prinzip nun überhaupt nicht neu ist.

Wer es kurz haben möchte: Ein paraphon-polyphoner Synthesizer verfügt für alle Stimmen gleichzeitig nur über einen Filter und einen VCA mit den dazugehörigen Hüllkurvengeneratoren.

Ein polyphoner Synthesizer stellt für jede Stimme jeweils einen Filter und einen VCA mit den entsprechenden Hüllkurvengeneratoren.

Wer in die Tiefe gehen möchte, der lese ab hier weiter:

Paraphon – Wir bringen Lichts ins Dunkel

Wir wollen nachfolgend klären, was es damit auf sich hat. Auch wollen wir ein Dilemma eines jeden Testbericht-Autors aufklären: Gehört der Begriff „paraphon“ auf die Habenseite eines Testberichts oder gehört er gar in den Minuskasten? Sind Marketingaussagen wie „Der Synthesizer ist sogar paraphon spielbar“ angebracht oder führen diese in die Irre?

Beginnen wir mal mit der einfachsten Begriffsdefinition, die in diesen Bereich auftaucht: Monophonie oder monophon. „Mono“ bedeutet so viel wie „ein“ oder „einzeln“, „phon“ steht für „Ton“. Ergo bedeutet Monophonie in der Musik so viel wie „eine Stimme.“

Alles klar, kennen wir: Ein monophoner Synthesizer kann immer nur eine Stimme, einen Ton erzeugen. Drücken wir eine zweite Taste, dann ist der erste Ton weg. In der akustischen Welt sind Blasinstrumente in aller Regel monophon spielbar.

Der nächste Begriff lautet: „Duophon“. Die Übersetzung ist einfach: zweistimmig. Einer der bekanntesten duophonen Synthesizer ist der gute, alte ARP Odyssey. Diese Spielart ist möglich, da der Synthi über zwei Oszillatoren verfügt, die man über die Tastatur separat ansteuern kann.

Allerdings tangieren wir hier schon unser Hauptthema, denn eigentlich ist der Odyssey paraphon. An dieser Stelle könnte man die Diskussion lostreten, ob duophon schon polyphon bedeutet, oder ob das erst ab drei Stimmen gilt. Für die hier geforderte Begriffsdefinition ist das aber so wenig relevant wie ein Disput darüber, ob ein Duo schon eine Band ist oder nicht.

Was bedeuten „polyphon“ und „para“

Aber lassen wir das alles hier mal so stehen und kommen später darauf zurück. Die nächsten Begriffe, die wir uns näher anschauen wollen, lauten „Polyphonie“ oder „polyphon“. Auch hier hilft uns die Übersetzung der beiden Wortbestandteile: Poly = viel, mehr etc.

Ein polyphoner Synthesizer ist also ein mehrstimmig spielbarer Synthesizer. So weit, so gut. Aber wir lassen nicht locker. Was unterscheidet „paraphon“ von „polyphon“?

Schauen wir uns dafür die Übersetzung des Präfix „para“ an, was so viel bedeutet wie „neben“ oder „nebenher“. Upps, Nebenstimmigkeit? Passt nicht. Vielleicht kommen wir weiter, wenn wir „paraphon“ als eine Art „Unterform“ oder „Nebenform“ von polyphon beschreiben, denn das trifft den Kern schon eher.

Damit ahnen wir es schon: Ein paraphoner Synthesizer ist mehrstimmig spielbar und erfüllt damit das Kriterium eines polyphonen Synthesizers!?! Diskussion beendet? Mitnichten, denn wir müssen nun klären, warum paraphon „nur“ eine Unterform von polyphon ist. Dafür müssen wir etwas weiter ausholen.

Paraphon – Wie viele Oszillatoren, Filter, VCAs und Hüllkurvengeneratoren hat ein Synthesizer insgesamt?

Um das zu klären, schauen wir uns drei „polyphone“ Synthesizer mal aus der Nähe an. Da reicht doch der Blick auf die jeweilige Benutzeroberfläche – oder etwa nicht?

Also, der Korg prologue hat zwei VCOs (die Multi Engine vernachlässigen wir hier mal), der Moog One hat drei VCOs und der Behringer Poly D hat sogar vier VCOs. Also: Testsieger in dieser Hinsicht der Poly D! Leider nein.

An der Bedieneroberfläche eines analogen Synthesizers können wir nicht ablesen, wie viele Stimmen und wie viele Oszillatoren, Filter etc. je Stimme dieser wirklich hat. Manchmal kann man es am Namen erkennen, wie z. B. beim Deep Mind 6 oder Deep Mind 12, manchmal aber auch nicht.

Was wir beim Moog und beim Korg auf dem Bedienfeld sehen, das ist der Aufbau EINER Stimme, der aber für alle Stimmen Gültigkeit hat. Hat ein Synthesizer 4 Stimmen, dann regeln wir (Ausnahmen bestätigen die Regel) auf der Bedienoberfläche alle zur Verfügung stehenden Stimmen gleichzeitig. Das gilt auch für das Tuning, was noch ganz wichtig werden wird. Stimmen wir VCO 1, dann machen wir das für alle zur Verfügung stehende Stimmen.

Jetzt kommt ein Rechenbeispiel: Ein 4-stimmig polyphoner Synthesizer verfügt über 4 x VCO 1 und ggf. 4 x VCO 2 = 8 Oszillatoren, 4 x VCF, 4 x VCA und 4 x bzw. 8 x einen Hüllkurvengenerator (8 dann, wenn wir für VCF und VCA eine separate Einheit annehmen).

Ein paraphoner Synthesizer wie der Behringer Poly D hält 4 VCOs, 1 Filter, 1 VCA und 2 Hüllkurvengeneratoren bereit. Der Unterschied macht sich also schon in der Anzahl der verwendeten Bausteine bemerkbar.

Bei einem polyphonen Synthesizer hat jede Stimme den Aufbau eines kompletten Synthesizers, wie wir das in der Abbildung erkennen können.

Aufbau eines vierstimmig polyphonen Synthesizers
Aufbau eines vierstimmig polyphonen Synthesizers

Bei einem paraphon-polyphonen System teilen sich alle Stimmen EINEN Filter und EINEN VCA mit den dazugehörigen Hüllkurvengeneratoren. Der Unterschied wird alleine aus der Abbildung deutlich.

Aufbau eines vierstimmig paraphonen Synthesizers
Aufbau eines vierstimmig paraphonen Synthesizers

Paraphon – Aber was bedeutet das in der Praxis?

Der Charakter eines Klangs wird maßgeblich durch zeitliche Verläufe in Lautstärke und Klangverhalten/Änderung des Obertongehalts bestimmt. Ersteres regelt der VCA und letzteres der VCF – und zwar über die sogenannten Hüllkurvengeneratoren. Die dabei gängigste Form ist die Aufteilung in Attack, Decay, Sustain und Release, kurz ADSR.

Schlagen wir eine Taste an (Gate), dann starten die ADSR-Hüllkurven mit der Attack-Time, erreichen über die Decay-Time das Sustain-Level, auf dem der Ton verharrt, bis man die Taste loslässt und die Release-Time einsetzt (die natürlich auch = 0 sein kann).

Habe ich einen polyphonen Synthesizer, dann durchläuft jede Stimme unabhängig von den anderen den eigestellten Hüllkurvenverlauf, auch wenn ich die Töne nacheinander spiele und dann einen vierstimmigen Akkord liegen lassen. Stimme 1 befindet sich vielleicht gerade auf dem Sustain-Level, während Stimme 4 gerade erst ausgelöst wurde und die Attackphase beginnt.

Anders ist das bei einem paraphon-polyphonen System. Spiele ich einen Ton und halte diesen, dann ist alles o.k., spiele ich einen zweiten oder dritten Ton, dann gibt es genau zwei Möglichkeiten:

  • Wir triggern mit jedem neuen Tastenanschlag die (einzige) Hüllkurve neu und lösen damit auch bereits angeschlagene Töne neu aus, so als würde wir wieder alle Tasten anschlagen.
  • Die neu angeschlagene Taste erzeugt einen Ton, der genau da einsteigt, wo sich die Hüllkurve des vorherigen Tons gerade befindet. Im Extremfall überspringt er alles, was den Klang eigentlich ausmacht und klingt nur noch aus.
Entweder startet der Zweite gespielte Ton die Hüllurbe vonvorne oder setzt mit in deren Verlauf ein.
Entweder startet der Zweite gespielte Ton die Hüllurbe vonvorne (Lösung 1) oder setzt mit in deren Verlauf (Lösung 2) ein.

Nutzt man seinen Synth nur dazu, mit einer Hand Blockakkorde als Begleitung zu spielen, dann fällt das kaum auf. Halte ich aber rechts einen Akkord und will mit der linken Hand einen Basslauf spielen, dann löse ich bei jedem neuen Ton den gesamten Akkord aus. Dies bemerkt man natürlich weniger, wenn das Sustainlevel des Filters weit oben ist bzw. der Einfluss der ADSR-Modulation gering.

Will ich aber einen polyphonen Synthesizer wirklich „spielen“, vielleicht sogar mit zwei Händen, dann sollte man auf einen paraphonen Synthesizer verzichten. Die Reduzierung auf ein VCF und ein VCA verringert natürlich die Lebendigkeit eines Klanges und schränkt die Nutzung etwas ein.

Paraphon – Warum?

Und warum baut man dann paraphone Synthesizer? Ganz einfach, das ist einzig eine Preisfrage. Verzichtet man auf einige Elemente, dann kann der Hersteller seinen Synthesizer zu einem deutlich günstigeren Preis anbieten. Das mag darin seine Berechtigung haben, als User sollte man allerdings den Unterschied kennen.

Bei einem paraphon-polyphon spielbaren Synthesizer wie dem Poly D, der ja vom Grundaufbau eigentlich ein monophoner Synthesizer mit mehreren Oszillatoren ist (wie der duophone Odyssey), gibt es noch ein anderes Problem. Ich klappe hier quasi die vier VCOs, die im Mono-Betrieb als Stack übereinanderliegen, aus und lege diese nebeneinander. Dabei erzeugt jeder VCO eine meiner vier Stimmen.

Aus einem fetten Sound mit 3-4 VCOs auf der einen Stimme wird nun ein deutliches dünneres Ergebnis, weil ich ja nur noch 1 VCO je Stimme höre. An dieser Stelle kommt dann der Chorus ins Spiel, der, wie beim Poly D, das klangliche Ergebnis deutlich aufwertet. Dabei sollte man aber immer im Hinterkopf haben, dass der Chorus eigentlich dafür da ist, ein konzeptionelles Manko elegant zu überspielen.

Kann oder muss ich wie beim Poly D alle beteiligten Oszillatoren separat stimmen, dann handele ich mir ein weiteres Problem ein. Ist eine leichte Verstimmung (Schwebung) zwischen den Oszillatoren im monophonen Betrieb gewünscht, um den Sound fetter zu machen, so unangenehm wird dies im polyphonen Betrieb. Denn nun stimmen die Intervalle nicht mehr ganz. Drückt man einen Akkord, dann klingt dieser ähnlich „falsch“ wie bei einer nicht gestimmten Gitarre. Und das holt kein Chorus wirklich mehr auf. In diesem Moment muss man sorgfältig nachstimmen.

Der Vorteil soll nicht verschwiegen werden. Da ich den VCO jeder Stimme individuell in Tonhöhe, Fußlage und Schwingungsform einstellen kann, lassen sich damit auch interessante Effekte erzeugen.

Paraphon – Fazit

Nun sollten die unterschiedliche Konzepte klar sein. Und auch haben wir deutlich gemacht, warum ein polyphoner Synthesizer vom Preis eigentlich immer höher liegen müsste als ein paraphones System. Für welche Variante man sich entscheidet, das hängt natürlich vom Budget ab und für welche Belange man einen Synthesizer nutzen will.

Und zum Schluss möchte ich noch meine Eingangsfrage auflösen, ob „paraphon“ in den Plus- oder in den Minuskasten eines Testberichts gehört: Ich will es mir mal einfach machen. Betrachten wir einen Synthesizer in erste Linie als „monophones“ System, das man auch paraphon spielen kann. Dann gehört das in den Pluskasten. Verkaufe ich aber einen Synthesizer als polyphon, dann muss man da explizit auf die paraphone Eigenschaft hinweisen, denn ein vollwertig polyphoner Synth ist dies halt nicht.