Erica Pico III
Erica Pico III

Die Entwickler von Erica zeichneten sich schon immer durch unorthodoxe Ansätze und Lösungen aus.
Beim Pico III ist das nicht anders, denn hier reden wir über ein speicherbares(!) Modularsystem.

Das Erica Pico III Modularsystem ist keinesfalls der Nachfolger des Pico II, was wir bei megasynth bereits getestet haben. Zwischen beiden Modellen gibt es deutliche Unterschiede. Verfügt die IIer-Variante noch über 13 diskrete Module, die man grundsätzlich auch austauschen kann, so sind beim Pico III „alle Module“ auf einer Platine untergebracht, so dass die Belegung des Systems fix ist. Die Auswahl ist geschickt gemacht, da man alles an Bord hat, was man braucht. Noch nicht mal eine Tastatur ist unbedingt erforderlich.

Hier eine Übersicht über die Funktionseinheiten

  • Stepsequencer
  • 2 x VCO
  • VCo Controllr
  • 3 x Mixer inkl. Ausgangssektion
  • LFO/Sample & Hold/ Rausch- & Zufallsgenerator
  • 2x EGs
  • 2x Lowpass Gate
  • BBD-Delay

Warum hat Erica die Variante mit fester Modulauswahl gewählt?? Nun diese Lösung mit einer Platine spart Kosten und schafft die Möglichkeit für den Einsatz der Voice Cards.
539 Euro muss man momentan für das Desktop-Modularsystem auf den Tisch des Hauses legen Dafür erhält man ein kleines komplettes Modularsystem inklusive Chassis, 13 Module, Patch-Kabel und die sogenannten Voice Cards – dazu später mehr. 479 Euro kostet schließlich die Eurorack-Variante, die naturgemäß auf das Chassis verzichtet.

Leider ist es beim Desktop-System nicht möglich, die Funktionseinheit aus dem Chassis zu nehmen und einfach ins Eurorack zu schrauben. Das finde ich sehr schade. Bezeichnet man den Pico III als mögliches Starter-Set in die modulare Welt, dann wäre es toll, das Modul ggf. ins Eurorack transferieren zu können.. Da hat Erica ein tolles Verkaufsargument verpasst.

Pico III ist wirklich sehr handlich (B x T x H): 240 x 140 x 80 mm bei einem Gewicht: 950 g. Die Verarbeitung ist gut, das Chassis macht einen Überaus stabilen Eindruck.

Erica Pico III Test – Ein speicherbares Modulsystem?

Irgendwie scheint das im ersten Moment ein Widerspruch zu sein Und: wie soll das gehen? Ein Modulsystem zeichnet sich doch durch frei wählbare Verknüpfungen der Module per Patch-Kabel aus? Eigentlich bleibt dem User nichts anderes übrig, als die Verkabelung aufzuzeichnen oder zu fotografieren. Und dann muss man noch die Einstellungen der Regler notieren. Meist ist das nie so genau, um den Klang wirklich zu 100% reproduzieren zu können

Und da genau setzt Erica mit den Voice Cards an, wobei 5 Blanco-Karten und 5 Preset-Karten im Lieferumfang inbegriffen sind. Vergleichen wir die Voice Cards mit der Anordnung der Ein- und Ausgänge auf der Frontseite, so bemerken wir, dass das Layout bis auf eine Ausnahme dem der Karte entspricht.. Will sagen, die Voice Card ist mit den Anschlüssen im Bedienfeld identisch.

Erica Pico III
Erica Pico III mit Voice Card. Vergleiche das Layout der Karte und des Steckfelds.

Um die notwendigen Patches zu schaffen, müssen wir diese auf der Voice Card verlöten. Und damit wird klar, dass wir uns ganz stark dem DIY-Bereich angenähert haben. Es ist nicht kompliziert, wird aber den einen oder anderen Usern abschrecken. Ein wenig Basteltrieb sollt abeer immer vorhanden sein.
Die gerade erwähne Ausnahme ist ein Massepunkt, was die Integration eigener passiver Elemente wie z.B. einen Attenuator) erlaubt. Konsequenterweise hätte man hier auch noch eine Stromversorgung für aktive Bauelemente vorsehen können. Die Patches einer Voice Card können stets durch die Verbindung via Patchkabel auf dem Frontpanel „überschrieben“ werden-

Auf der linken Seite des Pico III sehen wir einen Einschubschacht, der für die Aufnahme der Voice Cards gedacht ist. Die Voice Cards machen im Übrigen einen sehr stabilen Eindruck und sind für knapp 15 Euro beziehbar (5 sind im Package dabei).

Erica Pico III Voice Card
Erica Pico III Voice Card

Auch mit im Karton sind Overlays aus Papier, die man einfach auf die Bedienoberfläche stülpt (für die Regler ind die Sheets gelocht). Nun kann man bequem die vorgegeben Einstellungen vornehmen. Für eigene Kreationen gibt es auch Leer-Sheets. Gute Idee.

Erica Pico III Test – Die Tonerzeugung

Die eher experimentelle Ausrichtung des kleinen Modularsystems findet sich auch in der der Tonerzeugung wieder. Klar, der Signalweg ist komplett analog. Vom Aufbau der Oszillatoren, des Filters und der Hüllkurveneinheit arbeitet der Pico III nach der West Coast Syntheses. Diese ist eigentlich unverrückbar mit den Namen Buchla und auch Serge verbunden. Vereinfacht gesagt, geht es dabei weniger darum, obertonreiche Schwingungen zu filtern, als eher durch gegenseitige Modulation zweier Oszillatoren Obertöne ungewöhnliche Klänge zu erzeugen (und da sind wir eigentlich schon bei der Frequenzmodulation FM). Der Pico III hat zwei Oszillator-Einheiten, die leicht unterschiedlich aufgebaut sein.

VCO 1 verfügt über einen Túne-Regler, der über 8 Oktaven reicht, einen Fine-Tune-Regler gibt es leider nicht. Das führt dazu, dass es nicht leicht ist, beide Oszillatoren perfekt gleich zu stimmen. Aber, wie ich im Fazit feststellen werde, der Pico III will ja auch kein Minimoog sein. Auf der Ausgangsseite können wir ein Puls und ein Dreieck parallel verwenden. Die Pulsbreite ist einstell- als auch modulierbar. Über einen Kippschalter ist die Oktavlage um +- 1 veränderbar. Ansonsten arbeitet der Pico III nach der 1V/Oct.-Logik, will man ihn über eine externe Tastatur ansteuern. VCO 2 ist ähnlich aufgebaut, bietet aber eine Dreieck-Schwingung und einen Wave-Shaper, der von Dreieck zu Puls übergeht. Die Pulsbreite ist nicht modulierbar, wohl aber das Waveshaping. Zwischen den beiden VCOs liegt die VCO Control, die die FM-Modulation zwischen den beiden Oszillatoren kontrolliert. Dabei lässt zwischen exponentieller und linearer FM-Modulationen wählen.

Erica Pico III Test – Filter oder Low Pass Gate (LPG)

Ein Merkmal der Westcoast-Synthese ist die Verwendung von sogenannten Lowpass-Gates, einer Kombination aus Filter und Amplifier.

Der Hintergrund liegt darin, dass Dan Buchla wusste, dass bei akustischen Instrumenten bei Reduzierung der Lautstärke auch die Höhen gedämpft werden.

Ein LPG regelt dabei den VCA und die Cutoff Frequency gleichermaßen, um diesen Effekt zu simulieren. Pico III verfügt dabei über zwei LPGs, die sich von VCF (Cutoff) auf VCA umschalten lassen. Sinnvollerweise hat Erica dem LPG auch noch eine Resonance-Schaltung mit auf den Weg gegeben. die sich auch in Selbst-Oszillation versetzen lässt.
Der Regelweg des Offsets (Cutoff) sollte unbedingt überarbeitet werden. Dreht man dann dem Knopf, dann passiert erst im letzten Viertel etwas. Damit kann man eigentlich nicht arbeiten. Das nachfolgende Video zeigt, wie kurz der eigentliche Reglerweg ist:

Erica Pico III Test – Die Hüllkurveneinheit

Das System vietet zwei identische VC EGs, sich als AD- oder besser gesagt als ASR-Version darstellen. Bei Tastenanschlag geht es mit der Attackphase los und bleibt auf dem Level. Nach Loslassen der Taste setzte die Decay-Zeit ein, die eigentlich eine Release Zeit ist. Ich bevorzuge die deutlich variablere ADSR-Hüllkurve. Es wäre schön gewesen wäre, wenn wenigstens einer der beiden VC EGs so geschaltet wäre

Die EGs lassen sich auch loopen, wobei sie dann bis in den Lo-Bereich wirken können. Manuell triggert man die Hüllkurven über einen kleinen Taster, den man leicht übersehen und auch nur schwer erreichen kann kann. Attack- und Decay lassen sich auch via CV modulieren.
Ich weiß nicht, ob das am Filter liegt oder an der Hüllkurveneinheit selbst. Die maximale Attack-Zeit ist sehr kurz. Und setze ich Attack und Decay auf Null, dann packt die Hüllkurve nicht kurz genug zu.

Erica Pico III Test – Der Modulator (nicht zu verwechseln mit dem Kollegen Moogulator)

Der LFO nennt sich hier Modulator und bietet auf der Ausgangsseite eine Sinuswelle, ein Puls, ein Random Pulse (quasi ein Radnom Trigger), Sample & Hold (CV Output) und Noise. Regelbar ist die Frequenz des LFOs, die auch von außen synchronisierbar ist. An dieser Stelle macht sich leider das Fehlen eines oder mehrere Attenuator bemerkbar. Patch ich den LFO z.B. direkt auf die PWM, dann ist der Effekt in der Intensität nicht regelbar. Ergo muss ich hierfür schon einen der Mixer „opfern“.

Erica Pico III Test -Der Sequenzer

Der integrierte Step-Sequencer zeichnet sich durch eine verblüffende Einfachheit aus. Wir haben die Wahl zwischen 2, 3 und 4 Steps. D.h., eine Tonfolge kann aus maximal vier Tönen bestehen. Ein wenig dürftig, 8 Steps wären schon schön gewesen. Auch lässt sich die Sequenz nicht transponieren, es ist dafür kein CV-Eingang vorhanden.

Über den Clock-Eingang kann man aber auch ein Audio-Signal einspeisen, wobei die vier Steps dann als Waveshaper fungieren. Die Tonhöhen stelle ich übrigens anhand der vier Drehregler ein, konsequenterweise ohne Rasterung in Halbtonschritten. Das macht de Einstellung der gewünschten Tonfolge allerdings etwas schwieriger.

Vermisst habe ich auch einen Gate-Ausgang, d.h. man kann den Sequenzer nur auf einen kleinen Umweg nutzen. Dafür muss ich ein Clock/Trigger-Signal (z.B. von einem LFO) teilen und diese einmal in den Sync-Eingang des Sequenzer-Moduls schicken und dann noch in den Gate-Eingang der Hüllkurveneinheit.

Die Signalteilung kann ich über einen der drei Mixer vornehmen, besser wäre es, dafür das beigefügte Stackable Patchkabel zu verwenden, sonst wäre ich jetzt den zweiten Mixer los.

Erica Pico III: Ein "stackable" Patchkabel.
Erica Pico III: Ein „stackable“ Patchkabel.

Erica Pico III Test – Die Mixer

Nicht weniger als drei Mixer-Module sind im Pico III verbaut. Zu viel? Finde ich nicht, denn die Mixer verarbeiten CV- als auch Audiosignale. Eigentlich kann man davon nie genug haben, um CV-Signale oder auch Modulationsquellen zu duplizieren. Das wird man im Laufe der Arbeit mit dem Pico III zunehmend zu schätzen wissen.

Zwei Einheiten sind als 3-in-1-System ausgelegt, mit Level-Regler je Kanal, der letzte Mixer ist quasi die Mastereinheit. Hier liegen das Summensignal von Mix 2 und 3 sowie ein Master-Out, der aus dem Monosignal ein Stereo-Signal macht, an. Alle Ausgänge sind hier als 3,5mm-Miniklinke ausgelegt. Das gilt auch für einen Audio-Outputauf der Rückseite des Getäs. Ich hätte an dieser stelle einen 6,5 mm-Klinkenausgang bevorzugt.

Erica Pico III Test – Bucket Brigade-Echo

Wie es sich für einen „anständigen“ analogen Modular-Synthesizer gehört, ist auch die integrierte Effektschaltung analog. Es handelt sich dabei um eine Bucket-Brigade-Schaltung, zu deutsch: Eimerkettenschaltung. Das ist ein einfache aber feine Effektschaltung, die Delays und Flanger-Effekte erzeugt. Auch dieses Modul ist CV-steuerbar.

Erica Pico III Test- Der Sound

Das System ist genau richtig für alle Soundtüftler. Der Pico III hat einen ziemlich Bumms im BAssbereichh und kann sich auch im Höhenbereich durchsetzen. Seine Stärken liegen in der Erzeugung experimenteller und abgefahrener Klangfarben, ein Minimoog will er auch gar nicht sein. Vom soliden Bass bis hin zum Zirpen ist alles machbar.

Man darf aber auch nicht zuviel erwarten, besonders wenn man die großen Modularsysteme wie den ARP 2600, oder Roland System 100 mit ihrem typischen Sound im Ohr hat, der weit ein wenig enttäuscht sein. Aber so ist halt Buchla und die Westcoast-Synthese, lieblich klingen die Synths eigentlich nie.

Das nachfolgende Erica-eigene Video trifft klanglich den Kern:

Erica Pico III Test – Fazit

Es ist schon bewundernswert, welche Funktionalität Erica in so ein kleines Gerät gepackt hat. Selbst für Sequenzer und ein Delay-Modul war noch Platz. Damit kann der User sofort und sogar ohne Hinzunahme einer externen Tastatur loslegen.

Natürlich liegt da sehr viel auf kleinem Raum, so dass man manchmal nur mit spitzen Fingern an die Knöpfe kommt. Das ist halt der Nachteil eines „Miniatur-Systems“. Die Regler sind aber nicht so leichtgängig, dass man sie ständig ungewollt verstellt.

Die Idee mit den Voice Cards ist interessant, zumal die leeren Speicher mit 14,90 Euro je Stück bezahlbar sind. Damit wird aus einem modularen Synth eben ein semi-modulares System. Ob sich das durchsetzt, da man die Reglerpositionen nicht speichern kann, bin ich mir nicht sicher. Zumal sich das ja nicht auf diskrete Module übertragen lässt.

Es ist aber ein weiteres gutes Argument für ein interessantes Konzept. Die Zielgruppe liegt ohne Zweifel bei den Elektronik-Freaks, die auch schon erste Gehversuche im DIY-Bereich gemacht haben. Die werden wirklich mit einem interessant klingenden (WestCoast-Synthese) Synthesizer belohnt, der verstärkt abgedrehte Klangfarben erzeugt.

Ob der Erics Pico III ein interessantes Gerät für den Einsteiger im Bereich der modularen Synthesizer ist, bleibt dahingestellt. Allerdings hat man alles an Bord hat, was man benötigt. Es ist so eine Art elektronscher Experimentierkasten für den Musiker, der sich etwas intensiver mit elektronischer Musik auseinandersetzen möchte. Der Neuling geht mit der West Coast Synthese, den LPGs und FM direkt durch die harte Schule. Natürlich ist das klassische VCO-VCF-VCA-System besser zu verstehen.

Dr Pico III ist aber auch für die Fortgeschrittenen, die ein Modulsystem griffbereit auf dem Schreibtisch haben wollen, ein interessantes Tool. Da kann man stets auf die Suche nach neuen Klangfarben gehen.

Wer dann „mehr“ will, der kann ja erweitern. Und da kommt der große Minuspunkt: Die Desktop-Version lässt sich nicht aus dem Chassis nehmen und ins Rack schrauben. Ergo: Manchmal kann man auch was von Uli lernen.