Es sollte auch gesagt werden, dass dieses Album in Sachen Musikalität und verschiedener Stimmungen das bei weitem vielseitigste Dream Theater-Album ist. Es ist mal sehr hart, mal sehr soft, wie zum Beispiel die Cembalo-Stelle in „A New Beginning“.

Genau. Obwohl es auf jeden Fall ein Dream Theater-Album ist, ist es sehr viel tiefgängiger und breiter als sonst. Es ist sogar irgendwie…Fusion. Auf eine Art ist es zwar Prog, aber die Kombination verschiedener Elemente ist sehr viel intensiver.

Zum Teil geht das auf mich zurück. Ich musste mich auf Electronica konzentrieren, um den Sound der „Noise Machine“-Kreaturen zu kreieren, die sich auf Seiten der Bösen befinden. Ich dachte auch oft über musikalisches Theater nach. Meine Frau ist Theaterproduzentin und meine Tochter geht ins Theater, also gibt es sehr viel Theater in meinem Leben!

Du erwähntest Fusion. Einige der Songs hatten eine Präzision, die mich ein bisschen an die Dixie Dregs, in denen du gespielt hast, erinnerte.

(Foto: Warner)
(Foto: Warner)

Das Lustige daran ist, als ich mich Dream Theater anschloss, kannten sie die Dregs sehr gut. Ich würde irgendwas spielen, was ich als Prog-Rock bezeichnen würde, beeinflusst von Gentle Giant, King Crimson, Yes, ELP, frühe Genesis – und die Band würde sagen „Hey, das klingt irgendwie nach den Dregs!“

Als ich Steve Morse traf, während ich bei den Dregs war, weiß ich noch, wie ich dachte „Das ist so ein bisschen wie Gentle Giant, nur etwas anders, mit den Kontrapunkten und den wechselnden Taktarten und so“. Also unterbewusst sind da vielleicht ein paar Dregs-Sachen drin, aber wenn man es auf irgendwas herunterbrechen würde, wäre es wahrscheinlich immer noch klassischer Prog.

Du erwähntest auch Electronica, das man in Zwischenspielen wie „The Hovering Sojourn“, „Digital Discord“, „Machine Chatter“ und „Power Down“ hört. Kannst du etwas über das Sounddesign erzählen?

Diese beinhalteten viele verschiedene Dinge. Zuerst das Spectrasonics Omnisphere 2, was ich ständig benutze. Richard Devine hat ein paar coole Patches dafür gemacht, und wenn man nach futuristischen Sounds sucht, ist er der King.

Auch die Heavyocity-Sachen finde ich sehr gut, zum Beispiel Damage oder Evolve – Dave Fraser, einer der Hauptleute, machte ein paar eigene Sounds für die Raumschiffe und die „Impact“-Sounds, die man hört. Ich ging zum Keyboard und dachte mir „Also SO machen die das für die Kinofilme!“ [lacht]. Für ein paar aggressive Sounds nahm ich den Cyclop von Sugar Bytes, und benutzten auch ein paar Hollywood Sound-Libraries. Unser Engineer Rich war super, wenn es darum ging, verschiedene Dinge zu kombinieren und in ProTools zu layern.

Jordan Rudess Interview – Keyboard = Gitarre?

„Dystopian Overture“ hat eine Frage-und-Antwort-Sektion, mit vielen verschiedenen Sounds, die die gleiche Linie nacheinander spielen…

Das wird zwischen dem Orchester und der Band aufgeteilt. Die Gitarre hat eine Antwort, der Bass hat eine, ich mache eine auf dem Piano, dann mit einem Mallet- und einem Synth-Sound – oh, und einen mit dem typischen Dream Theater-Sound, dem „knurrenden Schwein“. Über die Jahre hinweg habe ich es für jedes Keyboard, das ich benutzt habe, nachgebaut!

Dein Signature-Leadsound verwendet oft gitarren-ähnliche Elemente wie Bends, Hammer-ons, Harmonics und Feedback und zeigt, dass Keyboards genauso rocken können wie Gitarren. Manche Keyboarder jedoch sagen, dass sich ein Synth-Spieler klanglich ganz bewusst von den Gitarren absetzen sollte. Deine Gedanken?

Da habe ich auf jeden Gedanken zu. Wenn ein Keyboarder einfach nur einen Gitarrensound „hinterherjagt“, dann wird es ganz oft einfach nicht cool. Nicht, wenn man einfach nur eine Gitarre imitiert. Glücklicherweise habe ich „zufällige“ Sounds gefunden, die als Leadsound in einem Rockkontext funktionieren. Berücksichtigt man den Stil von Dream Theater, dann braucht man etwas, was sich durch den Mix durchsetzt – man kann sich die gesamte Band als eine Gitarre vorstellen.

Ich habe niemals Presets gefunden, die das hingekriegt haben. Ich habe Sounds, die ich während meiner Zeit bei Kurzweil erstellt habe, und die ich dann in Korg gebracht habe. Im Moment bringt der Joystick meines Kronos verschiedene Harmonics, die zwei programmierbaren Buttons zwei weitere und die Ribbon-Steuerung bringt eine Suboktave und etwas mehr Grunge.

Es soll nicht wie eine Gitarre klingen, aber so effektiv wie eine sein, und natürlich mithilfe meiner Controller und meines Equipments spielbar sein. Auf diesem Album gibt es einen Lead, den ich mit dem Roli Seaboard Grand Stage gespielt habe. [Das Solo startet bei 1:19 in „The Path Divides“]. Ich wollte etwas, was man im Mix hört, aber auch den Style des Seaboards ausnutzt, mit den langen Bends über einen großen Bereich. So auf einer Gitarre zu „denken“ wäre sehr schwer.

Jordan Rudess Interview – Apps und Innovationen

Hast du deine neue GeoShred-App für gitarrenähnliche Soli benutzt?

Ja, sie wurde gerade erst entwickelt, als wir das Album machten, aber auf einem rockigen Solo musste ich es benutzen! Man hört es auf „A New Beginning“, zwischen 4:27 und 4:42.

Jordan Rudess Interview: Rudess zeigt einen Patch seiner GeoShred-App:

Wo wir bei GeoShred sind, wie kam es dazu, dass du dich für die App-Entwicklung interessiert hast?

Als das erste iPhone veröffentlicht wurde, hat irgendjemand diese kleine App dafür gemacht, mit einem sehr grundlegenden Sound. Das war ungefähr zur selben Zeit, als meine Frau und ich uns ein drei Meter langes Steinway gekauft hatten. Ich saß herum und spielte mit der App, und meine Frau sagte „Was machst du da? Im anderen Raum steht ein großes, wunderschönes Piano.“ Ich war halt fasziniert. Ich wusste, dass es Potential darin gab, irgendwo drauf zu drücken, wodurch ein Sound entsteht, und den Finger weiter zu bewegen, und andere Sounds zu erhalten.

Ich beobachtete den App Store um zu schauen, was andere Leute entwickelten, und traf dann einen Entwickler namens Kevin Chartier. Wir arbeiteten zusammen an einer App, aus der schlussendlich MorphWiz wurde, womit wir auch einen Billboard Award in 2010 gewannen. Das gab einen kleinen Schub, und so entstand Wizdom Music.

Erzähl uns mehr über deine Arbeit mit dem Roli Seaboard. Du bist bei Roli ja jetzt „Chief Music Officer“.

Ich war schon immer an außergewöhnlichen Geräten interessiert, mit denen man mehr Ausdruck erzeugen kann. Es ist aufregend, einer Firma dabei zuzusehen, wie sie aus einem 12-Noten-Keyboard eine Multi-Touch und Multi-Expression-Oberfläche machen. Das Seaboard Rise hat ja den „5D-Touch“, alles auf einer Pro-Noten-, polyphonen Basis. Strike Velocity, der Druck, links-rechts-gliden, lift und slide, dass die Y-Achse verfolgt.

[Das ROLI Seaboard RISE 49 konnten wir mittlerweile auch testen – KLICK hier!]

Jordan Rudess Interview Seite 3: Was „Prog“ bedeutet, sein neues Soloalbum und vieles mehr!