Das ROLI Seaboard RISE 49 im Test

Ein außergewöhnlicher MIDI-Controller für außergewöhnliche Musiker führt zu außergewöhnlichem Komponieren…oder nicht? Im ROLI Seaboard RISE 49 Test prüfen wir das angesagte Instrument auf Herz und Nieren.

Seit Dave Smith und Roland 1983 mit dem MIDI-Standard um die Ecke kamen, gab es immer wieder MIDI-Controller in verschiedenen Größen, Formen und Konzepten – mit unterschiedlichen Reaktionen. Vom Yamaha KX88 (1983) bis hin zum Tenori-On in 2005 und den vielen Gitarren- und Pad-Controller: MIDI-Controller haben die Studios und Bühnen dieser Welt erobert.

ROLI Seaboard RISE 49 Test: Der Anfang

2009 kündigte die kleine Firma ROLI an, dem typischen Keyboard-Controller ein neues Konzept zu verpassen, und brachte den Seaboard Grand heraus. Die „Keywaves“-Silikon-Oberfläche brachte Musikern ein neues MIDI-Spielzeug. Statt den Parametern „Note“ und „keine Note“ gab es den 5D-Touch. Damit konnte man sliden, tappen, „diggen“ und wackeln. So wurden Parameter wie Vibrato, Filter, Resonance und mehr gesteuert. Das Ergebnis war ein wesentlich ausdrucksstärkeres Instrument. Mit dem Equator gab es beim Grand noch einen Synthesizer mit dazu, der die neuen Klangmöglichkeiten voll ausnutzte.

Der einzige Haken beim Grand: Mit 9000$ war das Grand für die meisten Musiker schlichtweg zu teuer. Als Antwort darauf gab es das Seaboard RISE 25, zwar ohne Sound Engine, aber Equator gab es als computerbasierten Synth trotzdem mit dazu. Hier gab es 25 Tasten/Keywaves, das für manche wiederum zu wenig war. Deswegen kündigte man auf der NAMM 2016 den RISE 49 an. Und hier sind wir jetzt.

ROLI Seaboard RISE 49 Test: Kein 3D, kein 4D…5D!

Zunächst einmal: Das ROLI Seaboard RISE 49 sieht sexy aus! Das komplett schwarze Aluminium-Gehäuse ist nicht nur sehr solide, sondern macht auch optisch was her. Obwohl es nur 23mm dick ist, war ich über das Gewicht erstaunt. Aber es ist immer noch wesentlich leichter als die meisten anderen Controller. Auf dem schwarzen Gehäuse sitzen dann die dunkelgrauen Keywaves. Aber gehen wir über zur Steuerung.

Nach ROLI sind die 5 Touch-Dimensionen folgende:

  • Strike – die Geschwindigkeit und Kraft, mit dem der Finger auf die Keywave drückt. Damit werden Note-On- und Velocity-Werte gesendet.
  • Press – Der konstante Druck, der nach dem ersten Kontakt ausgeübt wird. Das sendet polyphonen oder Kanal-Aftertouch.
  • Glide – Horizontale Bewegungen auf einer Keywave und entlang der Bänder; entspricht Pitchbend.
  • Slide – Vertikale Bewegungen auf einer Keywave kontrolliert MIDI CC 74 (Brightness/Cutoff-Frequency)
  • Lift – Das Loslassen einer Keywave sendet Note-Off und Release-Velocity-Werte (0-127)

Dies sind die Standardeinstellungen. Die Glide- und Lift-Parameter können aber frei eingestellt werden.

ROLI Seaboard RISE 49 Test: Die angesprochenen "Täler" und "Hügel" veranschaulicht.
ROLI Seaboard RISE 49 Test: Die „Täler“ und „Hügel“ veranschaulicht.

Die Keywaves haben dabei ein einzigartiges Design. Jede Keywave ist ein „Hügel“, dazwischen befinden sich „Täler“. Die (normalerweise) weißen Tasten sind hier komplett schwarz. Die schwarzen Tasten haben einen weißen Streifen in der Mitte. Die ganze Oberfläche gibt nach und verleitet zum „Eindrücken“. Dabei ist sie so weich, dass man leicht mit den Fingern zwischen den Keywaves und den Pitch Strips hin- und hergleiten kann.

Diese Pitch Strips sind ähnlich wie die, die man auf anderen Synthesizern findet. Damit kann man in andere Noten hoch- oder heruntersliden. Das Ganze ist ähnlich wie ein Pitchrad, nur ausdrucksstärker und natürlicher.

ROLI Seaboard RISE 49 Test: Touch Fader

Neben den Keywaves und dem 5D-Konzept gibt es auch noch drei hintergrundbeleuchtete Touch Fader (Glide Touch, Slide Touch, Press Touch). Diese sind auf die Reaktionsfähigkeit der Keywaves zugeschnitten, funktionieren in Echtzeit und schaffen noch mehr kreativen Freiraum.

Man kann die Tiefe des erstellten Sounds durch Seitwärts-Bewegung anpassen (Glide Touch), Bewegungen auf und ab der Keywaves (Slide Touch), und durch den Druck auf die Keywaves (Press Touch). Wenn man diese Fader während einer Performance ändert, kann man die Klänge, die man auf dem RISE 49 spielt, nochmals komplett verändern. Mithilfe des X-Y-Pads (ebenfalls hintergrundbeleuchtet) erhält man noch mehr Modulationsmöglichkeiten.

ROLI Seaboard RISE 49 Test: Touch-Fader und das X-Y-Pad.
ROLI Seaboard RISE 49 Test: Touch-Fader und das X-Y-Pad.

Das ROLI Seaboard RISE 49 hat auch einen MIDI-Modus, mit dem die Touch Fader und das X-Y-Pad zu MIDI Performance-Reglern werden. Man kann dann jeden von ihnen einem MIDI CC-Controller zuweisen. Das ist sehr nützlich, wenn man mit anderen virtuellen Instrumenten arbeitet (besonders die, die in verschiedenen DAWs integriert sind). Der Power-Button des ROLI Seaboard RISE 49 ist auch der Mode-Button und leuchtet in verschiedenen Farben, abhängig vom gewählten Modus.

Für alle, denen 49 Tasten…ääh, Keywaves, nicht reichen, gibt es außerdem Octave ±-Buttons auf dem Frontpanel.

ROLI Seaboard RISE 49 Test: Anschlüsse

Auf der linken Seite gibt es einen frei zuweisbaren Pedal-Input. Außerdem gibt es USB A- und C-Anschlüsse für die Stromversorgung, MIDI-Daten und für den Betrieb mit mobilen Geräten. Schlussendlich gibt es noch einen Power Adapter-Input.

ROLI Seaboard RISE 49 Test: Anschlüsse
ROLI Seaboard RISE 49 Test: Anschlüsse

Zwar gibt es für das RISE 49 keinen Adapter von ROLI selbst – aber es läuft mit wiederaufladbaren Batterien. Diese halten bis zu 8 Stunden und – das ist das Coolste – können über Computer aufgeladen werden. Das ist eine nette Überraschung, allerdings dauert eine volle Ladung auch rund 7 Stunden, man sollte also ein wenig planen, wenn man mobil sein möchte.

ROLI Seaboard RISE 49 Test: Unter der Haube und hinter der Software

Mithilfe der „ROLI Dashboard for RISE“-Software kann man verschiedene Einstellungen verwalten, unter anderem den Channel Mode (Multidimensional Polyphonic Expression on, off, Single oder Multi), den Channel Range, die 5D-Einstellungen, USB- und Bluetooth-Einstellungen und noch so einiges mehr. Mit der Software kann man außerdem Firmware- und Software-Updates überspielen.

Moment mal…Bluetooth? Ja, das ROLI Seaboard RISE 49 hat Bluetooth. Dementsprechend kann man es mit jedem Computer oder Smartphone mit Bluetooth-Funktion verbinden. Und wieso man das machen sollte?

Die ROLI NOISE-App (kostenlos) für das iPhone 6s macht vollen Gebrauch vom 3D-Touch des Smartphones. Damit hat man einen multidimensionalen Synthesizer direkt auf dem Handy, der auf Equator basiert und wirklich fantastisch klingt. Er läuft auch mit dem iPhone 5 und 6, macht aber eben mit dem 6s mehr Sinn.

ROLI Seaboard RISE 49 Test: Ein kleiner Blick in die NOISE-App:

Da das ROLI Seaboard RISE 49 MIDI-over-Bluetooth beherrscht, kann man den NOISE auf dem Seaboard spielen. Generell konnte ich noch einige andere Musik-Apps mit dem RISE 49 verbinden, aber da gibt es sicherlich noch Potential. Momentan läuft die App leider nur auf iOS – Android- und Windows-Nutzer schauen also noch in die Röhre.

ROLI Seaboard RISE 49 Test: Equator

Neben der Dashboard-Software erhält man nach Registrierung auf der ROLI-Webseite ein Treiberpaket, in dem sich auch Equator befindet. Zwar ist das ein ganz ordentlicher Batzen (2,5GB), aber die Installation ist einfach und funktioniert auf OS X und Windows (32-bit und 64-bit).

Wie schon gesagt, ist Equator extra auf den ROLI Seaboard RISE zugeschnitten, indem es vollen Gebrauch des 5D-Touchs macht. Der Synth ist tatsächlich ein richtiges Biest, das verschiedene Formen des Sounddesigns beherrscht – von Wavetable-Oszillatoren über FM-Synthese bis hin zu Sample-Playback. Es klingt außerordentlich gut, vor allem zusammen mit dem ROLI Seaboard RISE 49, da auch kleinste Nuancen direkt im Sound hörbar werden.

Ich gebe zu, ich war wirklich gespannt auf die Presets – und ich hatte große Freude beim Experimentieren. Mein einziger Kritikpunkt wäre die große Prozessorlast – der Betrieb in einer DAW wird so manchen PC ordentlich schwitzen lassen. Ich musste in meinem Studio One 3 öfters mal ein paar Tracks rendern, damit ich weiterarbeiten konnte.

Auf dem ROLI Seaboard RISE 49 gibt es auch Links-/Rechts-Buttons, mit denen man durch die Equator-Presets scrollen kann. Das ist gut, da man so nicht vom Computer abgelenkt wird und man sich voll auf seine Performance konzentrieren kann.

ROLI Seaboard RISE 49 Test: In der Praxis

Man muss es zugeben: Das ROLI Seaboard RISE 49 erfordert Übung. Es ist nötig, die Empfindlichkeit der Touch Slider einzustellen, um ein Feeling zu bekommen. Auch andere (und wirklich gute) Keyboarder hatten zunächst Schwierigkeiten, sich an die Spielweise zu gewöhnen.

Hat man erstmal den Dreh raus, macht das RISE 49 wirklich Spaß. Experimentieren ist notwendig, um alle klanglichen Möglichkeiten zu entdecken. Versteht man erst einmal, wie die Bewegungen übersetzt werden, kann man wirklich eine intensive „Beziehung“ aufbauen. Manchmal ist es zwar etwas knifflig, mit Slides und Vibrato-„Wacklern“ wirklich das zu machen, was man möchte, aber hat man es erst einmal drauf, ist das sehr zufriedenstellend.

Vorhin wurde zwar angemerkt, dass die Optik sehr sexy ist. Aber auf einer (dunkeln) Bühne sind die Keywaves dann doch schwer zu erkennen. Mehr als einmal fand ich es schwierig, die richtige Taste zu finden. Natürlich – sobald man wirklich komplett mit dem ROLI Seaboard RISE 49 vertraut ist, wird das nicht mehr das Problem sein. Bis dahin habe ich eine kleine Klemmlampe angebracht – eine Beleuchtung der Tasten wäre auch schön gewesen, aber ich kann mir vorstellen, dass das aufgrund der Sensoren in den Tasten nicht möglich war.

ROLI Seaboard RISE 49 Test: Eine Empfehlung

ROLI Seaboard RISE 49 Test: Das Flipcase ist eine sinnvolle Anschaffung.
ROLI Seaboard RISE 49 Test: Das Flipcase ist eine sinnvolle Anschaffung.

Das separat erhältliche Flipcase ist sehr sinnvoll und ich würde es immer empfehlen, egal ob man das ROLI Seaboard RISE 49 nur im Studio oder live benutzt. Das Gerät ist so gut geschützt, die Anschlüsse bleiben aber immer noch erreichbar. Teile des Cases sind faltbar und ergeben dann einen kleinen Stand für ein Smartphone oder sogar einen Laptop…oder sogar für das RISE 49.

Das Case ist kein absolutes Must-Have, aber eben ein guter Schutz gegen Staub und verschütteten Getränken. Außerdem gibt es sie in verschiedenen Farben, um Aufmerksamkeit zu erhaschen (als ob man die mit dem RISE nicht eh schon hätte!).

ROLI Seaboard RISE 49 Test: Fazit

ROLI hat mit dem Seaboard RISE 49 einen wirklich innovativen Controller auf den Markt gebracht. Dieser bildet eine gute Kombination der Features des Seaboard GRAND und des kleineren RISE 25.

Die Integration und Verschmelzung von Smartphone, Computer und RISE 49 ist extrem gut gelungen, sodass es Spaß und Sinn macht, all diese Features auch zu nutzen. Das Spielgefühl insgesamt ist natürlich etwas anderes und erfordert wirklich Übung. Hat man den Dreh (oder Druck) aber einmal raus, ist es aufgrund der Vielseitigkeit mit nichts zu vergleichen.