Jordan Rudess Interview zu "The Astonishing". (Foto: Warner)

Der Dream Theater-Keyboarder zeigt nicht nur auf dem neuen „The Astonishing“-Album, was er kann – er ist auch App-Entwickler und klassisch trainierter Pianist. Das große Jordan Rudess Interview!

Jordan Rudess ist möglicherweise der beste Keyboarder in der heutigen Rockmusik – jegliche Diskussion darum dürfte schnell beendet sein. Er lernte an der weltberühmten Juilliard School of Music, wo er als Wunderkind am Alter von 9 Jahren anfing.

Jordan Rudess Interview – Von Juilliard hin zu Emerson und Wakeman

Als Teenager und als Teil der üblichen Rock ’n‘ Roll-Rebellion wechselte er dann ins Synthesizer-Lager. 1994 wurde er von den Lesern des US-amerikanischen „Keyboard“-Magazins zum besten neuen Talent gekürt, und seitdem erhebt er Anspruch auf das Erbe des Prog-Rock-Throns von Keith Emerson und Rick Wakeman. Bekannt geworden ist er vor allem als Teil der Progressive Metal-Veteranen Dream Theater. Bei diesen erkennt man sehr gut, wie einflussreich Keyboards in der Rock- und Metal-Musik sein können.

Jordan ist ein ebenso großer Virtuose wie auch Technik-„Geek“. Seit langem ist er nicht nur an herkömmlichen Keyboards interessiert, sondern nutzt auch alternative Controller wie das Haken Continuum, das LinnStrument oder das Roli Seaboard. Seine eigene Firma Wizdom Music entwickelt Instrumente für Apple iOS.

Sein neues Album mit Dream Theater, „The Astonishing“, ist eine 34 Songs umfassende Rockoper über einen Helden, der die Macht der Musik gegen ein dystopisches Imperium anführt. Hier wird mehr als nur Raumschiff-SciFi-Entertainment geboten: Es gibt ebenso überraschende Wendungen in der Geschichte wie auch in der Musik, und natürlich unmöglich anmutende Taktwechsel und Soli.

Jordan Rudess Interview: Trailer zum „The Astonishing“-Album:

Wir redeten mit Jordan über das bisher ambitionierteste Album von Dream Theater, sein neues Solo-Pianoalbum, die zahlreichen von ihm entwickelten Apps und vielem mehr.

Wie wurde die Geschichte von „The Astonishing“ entwickelt?

Vor ungefähr zwei Jahren begann John [Petrucci, Gitarrist und Bandgründer] darüber nachzudenken. Die Band wusste, dass wir ein Konzeptalbum machen wollten, aber wir warteten auf den richtigen Zeitpunkt. Die Fans sollten sich zunächst an den neuen Drummer [Mike Mangini] gewöhnen, und wir als Band auch an ihn.

Am Ende der letzten Welttournee gab John mir dann eine grobe Zusammenfassung der Geschichte, die er zuvor bearbeitet, erweitert und ausgearbeitet hatte. Als wir Musik dafür schrieben, war das, als ob wir für eine Oper oder einen Film schreiben. Jeden Morgen haben wir uns getroffen und dann gesagt „Wir sahen diese Figur vor fünf Songs, also lasst uns eine Variation seines Themas hier machen…“. Es ist auf auf jeden Fall das Detaillierteste, was wir bisher gemacht haben.

Jordan Rudess Interview – Die Arbeit mit David Campbell

Ihr habt mit dem berühmten David Campbell gearbeitet, und das Album enthält sowohl seine Arrangements für das Orchester, als auch für deine Keyboards. Wie war die Arbeit zwischen euch aufgeteilt?

Wir wussten alle, dass wir die Sounds so organisch wie möglich haben wollten: echtes Piano, echte Orgel, Streicher und Chöre auch echt, anstelle von Samples. David mit seinem fantastischen Resumé stand natürlich bei uns auf der Liste, da er auch schon mit anderen Rockbands wie Muse zusammengearbeitet hatte. Wir dachten zuerst, dass er keine Zeit hätte, aber wir fragten ihn und es klappte!

Unser erster Gedanke war, dass wir alles auf Rock-Instrumenten machten, und David sollte alles arrangieren, aber das passte irgendwie nicht zu uns. Wenn wir im Studio sind, dann arbeiten wir solange an Dingen, bis sie perfekt sind. Also hatten wir einen „Pre-Orchestration“-Arbeitsschritt. Ich benutzte einfach Sounds, die ich hatte, um Streicher dahin zu legen, wo wir Streicher haben wollten, Chor, wo wir Chor haben wollten, und so weiter. Die Sounds waren dabei fast egal, denn wir wussten ja, dass wir echte Musiker haben würden.

Haben sich die Arrangements denn sehr geändert?

Ja, und das war ja auch der Grund, wieso wir für das Projekt verpflichtet hatten. Er sagte zum Beispiel „Jordan, wir brauchen diese breiten Streicher nicht, weil ich Holzbläser für diese Stelle nutzen werde.“ Ich ließ ihm da freie Hand; aufgrund seiner Erfahrung wusste er ganz genau, wo er was machen musste, auch basierend auf unseren Anforderungen und unserem Budget.

Er hatte ein paar tolle Orchestermusiker in Prag und Sänger in Los Angeles, darunter ein Soprano, der fröhliche, aber irgendwie mysteriös-klingende Sachen singt. David selbst spielte in einem Songintro Violine.

Das muss sicherlich eine Zusammenarbeit über viele Kilometer hinweg bedeutet haben – wie habt ihr das gemacht?

John Petrucci und ich haben so viel über das Internet gearbeitet, wie es ging. Wir konnten beispielsweise dem Dirigenten zuhören, wie er mit dem Orchester in Prag probte. David machte online auch Notizen und gab Kommentare. Wir konnten ja meistens nicht da sein, aber so war es toll, virtuell dabei zu sein.

Aber sogar noch vor diesem Schritt benutzten wir digitale Wege. Als John mir die Story präsentierte, saß ich an meinem E-Piano im Wohnzimmer und habe musikalische Ideen mit meinem iPhone festgehalten. Irgendwann wussten wir, dass wir uns jeden Tag treffen mussten, und dann haben wir uns die Cove City Studios in Long Island gebucht.

Ich hatte alle meine virtuellen Instrumente in Logic Pro, ich nahm mein MacBook mit, wir schlossen seine Gitarre an, und so haben wir erstmal geschrieben. Irgendwann dann haben wir die Stems zu unserem Engineer Rich Chycki geschickt, der sie dann zu David Campbell transferierte.

Nachdem Laptops mittlerweile problemlos mit vielen Audiospuren zurechtkommen, wie oft benutzt du noch MIDI für deine Parts?

Jordan Rudess Interview: Das Albumcover zu "The Astonishing"
Jordan Rudess Interview: Das Albumcover zu „The Astonishing“

Damit bin ich aufgewachsen, und weil es recht flexibel ist, benutze ich es immer noch. Aber es lebt im Computer und auf Virtual Instrument-Spuren, zumindest in meinem Workflow. Was ich nicht mehr so wirklich mache, ist MIDI-Daten durch den ganzen Raum zu schicken, um meine Hardware-Keys anzusteuern. Ich habe sie noch alle, aber ich nutze sie in Echtzeit, wenn ich inspiriert werden will.

Mittlerweile muss ich mich eher darum kümmern, dass alle Samples ordentlich organisiert sind, dass ich meinen iLok dabeihabe und alle Lizenzen erneuert sind! [lacht]

Jordan Rudess Interview – Musik in kleinen Häppchen

Manche Menschen sehen den „Konzept-Rock“ zynisch und finden groß angelegte Geschichten mit großflächigen Instrumenten vielleicht als etwas kitschig an. Was würdest du ihnen sagen?

Zunnächst würde ich sagen, dass es ein Privileg ist, in einer Gruppe zu sein, die so etwas überhaupt schaffen kann, musikalisch und auch, was die Unterstützung vom Management und von den Fans angeht. Unsere Fans sind toll, sie analysieren jede Note und entdecken Dinge, von denen wir überhaupt nicht wussten, dass sie existieren! [lacht] Ihnen also eine ganze Story zu geben ist attraktiv und macht irgendwie Spaß.

Ein weiterer Grund ist der, dass die Art und Weise, wie wir Musik hören und auch machen, sehr verstreut ist. Man lädt sich da mal einen Song herunter, streamt da etwas. Wir betreiben alle Multitasking und konsumieren Musik in kleinen Klecksen – was irgendwie blöd ist.

Aber Sachen, wie wir sie jetzt machen, bringen Menschen dazu, dass sie eine längere Erfahrung haben möchten. Sie wollen einen Kopfhörer aufziehen und sich in der Musik verlieren, und viele dieser Leute sind unsere Fans. Wir veröffentlichen es also, weil wir es können. Wir sagen auch unseren Fans, „Wenn ihr Hits wie ‚Pull Me Under‘ hören wollte – in dieser Tour geht es komplett um „The Astonishing“, von Anfang bis Ende“. Wir wollen es in schönen Hallen machen, wo Leute relaxen und aufmerksam zuhören können.

Jordan Rudess Interview Seite 2: Die Dixie Dregs, Electronica…auf dem neuen Album ist alles dabei!