ARP insiders nennen ihn “Blue Marvin” als Tribute an ARP Präsident Marvin Cohen. (courtesy of Don Muro)
Don Muro posiert 1971 mit einem seltenen “Blue Marvin” ARP 2600, der in einer Garage zusammengebaut wurde, bevor die ARP Fabrik eröffent wurde.

Falls jemals ein Song allein einen Synthesizer verkauft hat, wäre es wohl Edgar Winters „Frankenstein“ (Keith Emerson’s Moog-Modular-Solo auf ELP’s „Lucky Man“ ist knapp dahinter auf dem zweiten Platz).

Mit seinem ausufernden Synth-Solo in der langen Version dieses Rockklassikers schoss Edgar den Vogel ab – nicht zuletzt dank des ARP 2600 und seines separaten Controller-Keyboards. Dieses hatte er wie eine Gitarre umgehängt und konnte sich mit dem extra langen Kabel auf der Bühne frei bewegen. Zu sehen ist dies beispielsweise in dieser „Frankenstein“-Performance von 1973:

Der Gitarrist in diesem Video, Rick Derringer, produzierte übrigens das Album „They Only Come Out at Night“, auf dem Frankenstein erstmals veröffentlicht wurde.

Der ARP 2600 war das Nachfolge-Modell zum ersten Synthesizer des ARP-Gründers Alan R. Pearlman: dem eigentlich für den Lehreinsatz konzipierten 2500 (mehr über den ARP 2500 gibt’s hier: Klick!). Ein Exemplar dieses Ungetüms ist in Steven Spielberg’s Unheimliche Begegnung mit der Dritten Art zu sehen. ARP’s damaliger Entwicklungschef Philip Dodds spielt dort die Rolle des Musikers Jean Claude.

Beim 2600 verzichtete man bei ARP auf die Matrix-Patchbays des 2500, spendierte der Frontplatte zur besseren Ablesbarkeit des Signalflusses eine Beschriftung, und integrierte Verschaltungspunkte mit Kabeln und Schiebereglern sowie feste Verdrahtungen zwischen den Baugruppen. So funktionierte der Synthesizer bereits ohne Patch-Kabel. Wenn man solche dennoch hatte, konnte man die festen Verbindungen dann überbrücken, Audio- und Kontroll-Signale flexibel routen und damit Sounds und Effekte erzeugen, die der 2600 sonst nicht hinbekommen hätte.

Joe Zawinul invertiere die Spannung eines ARPs, sodass die hohen Töne unten waren.
ARP Instruments benutze dieses Foto von Joe Zawinul (1932–2007), der 2 ARP 2600 spielt, in einigen Anzeigen (Courtesy of Alan R. Pearlman).

Es gab diverse Generationen des ARP 2600, angefangen mit dem „Blue Marvin“ — was der interne Deckname zu Ehren des damaligen ARP Präsidenten Marvin Cohen war, überall sonst wurde das Modell mit Bezug auf die bösartigen Kreaturen in Yellow Submarine von den Beatles „Blue Meanie” genannt.

Zusammengebaut wurden die Exemplare dieser Generation in einer Garage – ARP hatte damals noch keine Fabrik. Die Wartungsunfreundlichkeit eines solchen ARP 2600 war legendär: alle Einzelteile waren in einem Voll-Aluminium-Case eingeschlossen, das ein Flugzeug-Designer entworfen hatte. „Jedesmal, wenn einer zur Reparatur reinkam, sind wir zusammengezuckt“, erinnerte sich Dodds einmal. Pearlman selbst war ebenfalls kein großer Freund dieses Designs: „Ich wollte das Instrument in einem stabilen Case haben, das transportsicher ist”.

Und so erschien irgendwann eine Version mit vinylüberzogenem Sperrholz-Gehäuse, die, von Musikern durchweg bevorzugt, von 1971 bis 1981 gebaut wurden. Was die Farben des 2600 angeht, so gibt es Modelle aus dieser Zeit in schwarz, grau und weiß, wobei Exemplare nach 1978 ein dunkleres graues Frontpanel mit orange/weißer Beschriftung aufweisen.

Doch nicht nur das Erscheinungsbild des Arp 2600 variierte, denn auch bezüglich der Module und Bauteile gab es Nachbesserungsbedarf. So war der Filter ursprünglich ein Model 4012, das sich irgendwann als Kopie des patentierten Moog Ladder Filters erwies und folglich ersetzt werden musste. Der Ersatz wiederum, Model 4072 genannt, leidet unter einem Frequenzgang, der bei ca.11/12 kHz endet. Das Problem lässt sich jedoch durch eine Modifikation beheben, das Filter reicht dann sogar bis über 20 kHz. Dasselbe Filter ist übrigens in ARP’s Omni, Odyssey und Axxe verbaut.

Arturia ARP 2600V2
Arturia ist eine von 2 Firmen, die virtuelle Versionen des ARP 2600 anbieten, hier der Arturia ARP 2600V2. (courtesy of Arturia)

Obwohl die Synthese-Möglichkeiten des 2600 die des Minimoog weit überschritten, verhinderte der höhere Preis einen vergleichbaren Verkaufserfolg. Während Moog den Mini für $1,495 anbot, kostete ein 2600 in den frühen Siebzigern $2,600 bis $2,900. Von 1975 und 1981 – das Jahr, in dem ARP von der Bildfläche verschwand – ging der Preis sogar auf $3,600 herauf.

Der 2600 war jedoch schlussendlich so beliebt, dass so einige Bastler sich an Hardware-Nachbauten wagten. Auch zwei Software-Emulationen sind mittlerweile erhältlich: Arturia’s ARP2600V und Way Out Ware TimewARP 2600.

(Übersetzung: Peter Gorges)

Teil 1: Am Anfang war der Moog
Teil 3: Pure Magie: “Birdland” und Oberheim SEM
Teil 4: … und dann kam der Prophet
Teil 5: Digitales aus Down Under
Teil 6: Bahnbrechende Digitaltechnik aus Deutschland – der Waves 2.3
Teil 7: Lineare FM – der Yamaha DX7
Teil 8: Korg M1 – die Workstation überhaupt
Teil 9: Clavia Nord Lead – Die Rückkehr der Knöpfe
Teil 10: Modulare Synthesizer für das 21. Jahrhundert