Der ARP 2600 Blue Marvin
Der ARP 2600 Blue Marvin

Wie es Jean-Michael Jarre in seinem kurzen Video hat durchblicken lassen, will Korg 2020 einen Remake des ARP 2600 auf den Markt bringen. Details sind nicht bekannt, Man darf gespannt sein.

Bevor dann der Korg 2600 in die Läden kommt, kann man sich im nachfolgenden Artikel aus dem Kultbuch von Matthias Becker „Synthesizer von Gestern“ über den ARP 2600 informieren.

Der ARP 2600 wurde im Jahre 1970 auf der AES Convention in New York zum ersten Mal einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt und stellte den ersten Versuch A. R. Pearlmans dar, mit seinen Synthesizern einen breiteren Markt zu erobern.

Während das große Modulsystem, der ARP 2500, aufgrund seiner Größe und seines Preises eigentlich nur in Universitäten, Musikhochschulen und Studios für elektronische Musik zum Einsatz gelangte, sollte nun eine abgespeckte Minimalversion des großen Systems – eben der 2600 – eine größere Zahl von Interessenten ansprechen.

ARP 2600 – die Anfänge als Blue Marvin

Gegen Ende des Jahres 1970 wurden die ersten Exemplare des 2600 unter der Bezeichnung „Blue Marvin“ ausgeliefert. Nachdem 100 Stück dieser Version mit blauem Metallgehäuse gebaut waren, entschied man sich bei ARP im Frühjahr 1971, zusätzlich eine alternative Version in einem mit schwarzem Vinyl bezogenen Holzgehäuse anzubieten und zu testen, welche von beiden Ausführungen von den professionellen Musikern vorgezogen wurde. Die zweite Version machte schließlich das Rennen, die Produktion von „Blue Marvin“ wurde eingestellt und der 2600 war fortan nur noch im schwarzen Vinylgehäuse erhältlich.

Obwohl er sehr kompakt gebaut war und insgesamt nur etwa 30 kg wog (wobei sich dieses Gewicht zu etwa gleichen Teilen auf den eigentlichen Synthesizerteil und die separate 4-Oktaven- Tastatur verteilte), enthielt der 2600 doch – bis auf einen Sequenzer – alle wesentlichen Baugruppen eines Modulsystems. Das Gerät kostete in Deutschland zu Beginn DM 11.000,-, bis 1978 war sein Verkaufspreis dann (laut der damaligen Preisliste des Synthesizerstudios Bonn) auf DM 6950,- gesunken. Der ARP 2600 war in der Tat zu seiner Zeit derjenige transportable Synthesizer mit den umfassensten Möglichkeiten. Natürlich waren gewisse Kompromisse nötig, um Gewicht und Abmessungen des Gerätes in Grenzen zu halten, jedoch betrafen diese weniger die klanglichen Möglichkeiten des Gerätes als vielmehr die Art seines Aufbaus.

ARO 2600 Block Diagram
ARO 2600 Block Diagram

Es handelte sich bei den einzelnen Funktionsgruppen des Gerätes nämlich nicht etwa um einzelne, beliebig zusammenstellbare Module wie z. B. beim Moog System 15. Stattdessen lagen Zahl und Art der zur Verfügung stehenden Synthesizerbausteine beim 2600 unveränderlich fest. Der Umstand, dass sich das Gerät dennoch enorm flexibel einsetzen ließ, resultierte aus der Tatsache, dass es zwar über eine feste interne Verkabelung der einzelnen Funktionsgruppen verfügte (siehe Blockdiagramm), man jedoch bei Bedarf die vorgegebene Verknüpfung der einzelnen Bausteine mit Hilfe von Patchcords beliebig verändern konnte.

Die Mini-Klinkenbuchsen des 2600 waren nämlich normalisiert, sodass die werksmäßig festgelegte interne Vorverkabelung unterbrochen wurde, sobald man einen Stecker in die Buchse steckte.

Darüber, welches Signal im „Normalfall“ – sprich dann, wenn kein Stecker in der Buchse steckte – anlag, informierten jeweils die Beschriftungen unterhalb der Buchsen.

ARP 2600 Bedieneroberfläche
ARP 2600 Bedieneroberfläche

ARP 2600 – das beste aus beiden Welten

Pearlman war es also bei der Konzeption dieses Gerätes gelungen, „das Beste beider Welten“ miteinander zu kombinieren.

Einerseits war der 2600 bei Verwendung von Patchcords klanglich ebenso flexibel wie ein kleines modulares System, andererseits ließ sich das Instrument aufgrund der internen Vorverdrahtung auch ohne die Verwendung externer Patchcords nutzen, was sich besonders beim Live-Einsatz des Synthesizers als enorm vorteilhaft und zeitsparend erwies.

Auch in einem weiteren Punktunterschied sich Pearlmans Konzept deutlich von dem seines Konkurrenten Moog: Anstelle der von Moog verwendeten Drehpotentiometer kamen beim ARP-Synthesizer fast ausschließlich Flachbahnregler zum Einsatz. Dies brachte für den Benutzer des Gerätes den Vorteil, dass man sich viel schneller einen Überblick über die Einstellung der einzelnen Parameter verschaffen konnte. Nachteilig bei den Flachbahnreglern war allerdings, dass sie empfindlicher gegenüber eindringendem Staub waren als Drehpotentiometer, weshalb man auch heute kaum noch einen ARP 2600 findet, bei dem nicht mehrere (oder sogar alle) Fader krachen, wenn man sie bewegt.

ARP 2600 – viele Funktionen auf kleinem Raum

Trotz der verhältnismäßig kompakten Abmessungen des Gerätes hatte man es bei ARP geschafft, erstaunlich viel an Funktionen hineinzupacken. Die drei Oszillatoren zeichneten sich durch extreme Stimmstabilität (Warm up drift: maximal 1/30 Halbton) aus und waren in dieser Beziehung den Moog-Oszillatoren der damaligen Zeit um Längen voraus. Dies kam übrigens nicht von ungefähr, da Pearlman bereits Anfang der 60er Jahre ein Labor zur Entwicklung von Präzisionsschaltkreisen für Messgeräte betrieb und ihm so die bei Synthesizern auftretenden Probleme – wie etwa Langzeitstabilität und Temperaturabhängigkeit der Schaltungen – bereits hinlänglich vertraut waren.

Der Frequenzbereich der Oszillatoren reicht je nach Stellung des Range Schalters entweder von 0.03 Hz bis 30 Hz (Position Keyboard Off/Low Frequency) oder von 16 Hz bis 16 kHz (Position Keyboard On/Audio). Zur stufenlosen Justierung der Tonhöhe ist jeder der drei Oszillatoren mit je einem Fader für Grob- und Feinstimmung ausgestattet. Fußlagenschalter, wie wir sie z. B. vom Minimoog her kennen, fehlen völlig, sodass eine schnelle, exakte und bequeme Oktavtransponierung eines einzelnen Oszillators nicht möglich ist. Zwar bietet das Keyboard des Gerätes einen Transpose – Schalter (+ oder – 2 Oktaven), jedoch ist dies kein gleichwertiger Ersatz für die fehlenden Fußlagenschalter, da die Transpose Funktion ja stets auf alle Oszillatoren gleichzeitig wirkt.

ARP 2600 Keyboard Bedienfeld
ARP 2600 Keyboard Bedienfeld

ARP 2600 – Oszillatoren & Filter

Die Ausstattung der einzelnen Oszillatoren ist unterschiedlich: Oszillator 1 bietet Sägezahn und Rechteck, Oszillator 2 Sinus, Dreieck, Sägezahn und Puls und Oszillator 3 Sägezahn und Puls als Grundwellenformen. Bei Oszillator 2 lässt sich die Pulsbreite nicht nur manuell regeln, sondern darüber hinaus auch über eine Steuerspannung modulieren. Für jede der angebotenen Wellenformen steht jeweils eine separate Ausgangsbuchse zur Verfügung, wodurch sich bei Bedarf auch mehrere Wellenformen eines Oszillators gleichzeitig abgreifen und in einem beliebigen Verhältnis miteinander mischen lassen. Jeder Oszillator bietet 4 Eingangsbuchsen für Steuerspannungen, von denen jeweils 3 über zugeordnete Abschwächer verfügen.

Beim Filter des ARP 2600 handelt es sich um einen 4-Pol-Filter mit 24 dB Flankensteilheit, bei dem sich Resonance und Center Frequency stufenlos regeln lassen. Für die exakte Justierung der Einsatzfrequenz steht sogar ein zusätzlicher Fine Tune Fader zur Verfügung. Audiosignale können dem Filter über maximal 5 verschiedene Eingangsbuchsen mit zugehörigen Pegelreglern zugeführt werden. Für Modulationszwecke sind drei Control Inputs vorgesehen, von denen zwei regelbar sind.

Obwohl der Filter des 2600 die gleiche Flankensteilheit hat, und man bei Moog sogar behauptete, Pearlman hätte die patentierte Moog-Kaskaden-Schaltung abgekupfert und nur deshalb seine Filterschaltung mit Kunstharz vergossen, so ist seine Klangcharakteristik doch eine völlig andere als die des Moog Filters. Er klingt sehr viel sauberer als Moogs Kaskadenfilter, denn es fehlen ihm die für diesen typischen (und von Moog damals beider Konzeption seiner Schaltung bewusst provozierten) harmonischen Verzerrungen. Der ARP Filter klingt neutraler, hat jedoch dadurch gleichzeitig etwas weniger eigenen „Charakter“.

ARP 2600 – weitere Ausstattung

Hüllkurven-Generatoren besitzt der ARP 2600 zwei Stück, von denen einer als ADSR- und einer als AR-Generator konzipiert ist. Für die Kontrolle der Lautstärke ist ein einzelner VCA vorgesehen, der nicht nur mit linearer, sondern auch mit exponentieller Kennlinie arbeiten kann, wodurch auch die Erzeugung extrem perkussiver Klänge möglich wird. Hätte der ARP 2600 lediglich die bisher aufgezählten Ausstattungsmerkmale, so wäre sicherlich kaum jemals jemand auf die Idee gekommen, ihn einem Synthesizer wie dem Minimoog vorzuziehen.

Was das Besondere am ARP 2600 ausmacht, sind jedoch nicht die Baugruppen, die er mit anderen transportablen Synthesizern gemeinsam hat, sondern vielmehr all die Besonderheiten, die er darüber hinaus noch bietet. Und das sind nicht eben wenige.

Außer einem Rauschgenerator, dessen Klangcharakteristik sich stufenlos von Pink Noise nach White Noise regeln lässt, finden sich ein Ringmodulator (besonders geeignet zur Erzeugung metallischer Sounds), ein Sample & Hold („Zufalls-“) Generator mit separater Clock, ein Mikrofonvorverstärker, ein Electronic Switch, ein Envelope Follower, 4 Spannungsprozessoren (incl.Lag Prozessor), eine eingebaute Accutronics Hallspirale und sogar 2 Abhörverstärker mit zugehörigen Lautsprechern.

Die Tastatur des 2600 bot ursprünglich nur sehr begrenzte Möglichkeiten in Sachen Spielhilfen (siehe Grafik 2) und war lediglich einstimmig.

ARP 2600 & ARP Odyssey

Als dann der zweistimmige Odyssey auf den Markt kam, wurde zuerst ein Einbauset angeboten, mit dem sich die einstimmigen Keyboards auf Zweistimmigkeit aufrüsten ließen (eine der Firmen, die seinerzeit diese Umbauten Vornahmen, war übrigens Oberheim Electronics I). Später wurde dann eine völlig neue Tastatur (3620) entwickelt, die das alte Modell ersetzte.

Zusätzlich zur Zweistimmigkeit hatte man in diese neue Tastatur noch eine Reihe Extras integriert (siehe Grafik 3). Das Keyboard 3620 enthielt einen separaten LFO mit den Wellenformen Sinus, Dreieck und Rechteck sowie Reglern für Speed, Depth und Delay.

Zusätzlich waren ein Pitch-Bend-Regler (maximal ± 1 Oktave) in Form eines Drehpotis, ein Transpose Schalter (+ oder – 2 Oktaven), ein Trigger Wahlschalter (Single/ Multiple) sowie eine stufenlos regelbare Portamento Funktion vorhanden, die sich über Momentary Switch oder Fußschalter abrufen ließ. Ebenfalls per Fußschalter bedienbar war eine Funktion namens Interval Latch, die so ähnlich wirkte wie die Chord Memory Funktion späterer Synthesizermodelle und mit deren Hilfe sich das zuletzt auf der Tastatur gedrückte Intervall „einfrieren“ und dann mit nur einer Taste spielen ließ.

Zur Koppelung von Tastatur und Synthesizerteil diente ein 6-poliges Kabel. Waren beide Teile miteinander verbunden, so waren, ohne dass dazu zusätzlich externe Kabel nötig gewesen wären, automatisch auch die Verbindungen Gate/ Hüllkurve, LFO/ Oszillator 1,2,3 und CV 1/ Oszillator 1,2,3 bereits hergestellt. Lediglich um die Duophonie der Tastatur ausnutzen zu können, war die Verwendung eines zusätzlichen Patchkabels unumgänglich.

Insgesamt gesehen handelt es sich beim ARP 2600 um einen wirklich ausgereiften mono – sorry – duophonen Synthesizer, der sich aufgrund der internen Vorverkabelung auch verwenden lässt, ohne erst zig Steckverbindungen herstellen zu müssen.

Da es sich dennoch um ein offenes System handelt, kann jedoch bei Bedarf auch eine extrem komplexe Verschaltung der einzelnen Bausteine vorgenommen werden.

ARP 2600 – Grenzen und Möglichkeiten

Die Grenzen der Möglichkeiten des Gerätes liegen eigentlich nur in der – im Gegensatz zu einem wirklich großen Modulsystem – etwas beschränkten Zahl der einzelne Bausteine (z. B. nur ein VCA).

Verzichtet man auf den eingebauten Hall, der extrem stark rauscht, so muss man dem Gerät in Sachen Fremdspannungsabstand absolute Studiotauglichkeit bescheinigen. Soundlich überzeugt der 2600 sowohl bei der Erstellung „natürlicher“ Sounds, als auch bei Herstellung von speziellen Klangeffekten.

Das Bedienungsfeld ist extrem übersichtlich angelegt und die wichtigsten Kalibrierarbeiten (Tracking etc.) lassen sich durchführen, ohne erst extra das Gehäuse öffnen zu müssen, da die betreffenden Trimpotis durch Öffnungen in der Frontplatte zu erreichen sind (Position der einzelnen Trimmer siehe Grafik 1).

Durch seine enorm vielfältigen Möglichkeiten bietet sich der ARP 2600 besonders für den Bereich der experimentellen Musik an. Der einzige ernsthafte Nachteil des Gerätes ist die Tatsache, dass bei den meisten der ausgelieferten Geräte die einzelnen Baugruppen wie VCO, VCF, VCA in Form vergossener Module eingebaut waren, deren Aufbau im Schaltplan nicht exakt dokumentiert ist und die seinerzeit – falls innerhalb eines Moduls ein Defekt auftrat – nicht repariert, sondern statt dessen einfach gegen ein Ersatzmodul ausgetauscht wurden.

Da die Firma ARP schon lange nicht mehr existiert (sie wurde 1981 von CBS aufgekauft), ist es natürlich enorm schwierig, noch irgendwo Originalersatzteile aufzutreiben, sodass man bei der Anschaffung eines ARP 2600 – falls man nicht gerade das Glück hat, eines der Modelle zu erwischen, bei denen die Bauteile nicht vergossen sind, eigentlich nur beten kann, dass keines der Module jemals seinen Geist aufgibt.

Sollte das dennoch einmal der Fall sein, so bleibt aber dennoch etwas Hoffnung, da es laut Achim Lenzgen, dem Servicetechniker vom Synthesizerstudio Bonn, für einen Techniker mit der entsprechenden Erfahrung auch durchaus möglich ist, defekte Module zu öffnen und zu reparieren. Ist man bereit, sich trotz der etwas unsicheren Ersatzteilsituation auf das „Wagnis“ ARP 2600 einzulassen, so wird man – solange das Gerät funktioniert – sicherlich nicht enttäuscht werden.

Wer hören möchte, wie das Gerät klingen kann, der sei u. a. auf die LPs von Herbie Hancock, Stevie Wonder, Patrick Gleason, Weather Report und Gong verwiesen.