Spitfire Audio Orbis
Spitfire Audio Orbis

Mit Spitfire Audio Orbis bringt der englische Plug-in Produzent eine eher etwas ungewöhnliche Library auf den Markt.
Spitfire Audio selbst nennt Orbis „World Synthesizer“, wohl auch in Abgrenzung zu Orchester-Plug-ins, die man reichhaltig im Programm hat.

Wer jetzt bei dem Begriff „Synthesizer“ an Arturia Pigments oder Massive X von Native Instrument denkt, der liegt bei Spitfire Audio Orbis falsch, denn die DNA dieses Plug-ins besteht ganz klar aus Samples von Ethno-Sounds aus aller Welt.

Was Orbis ist, das können wir wahrscheinlich mit der Vorgeschichte klären. Das Projekt beruht auf einer Zusammenarbeit mit David Fanshawe, einem Komponisten, Dirigenten, Musik-Ethnologen, Entdecker und Sound Designer, der 2010 verstarb. Fanshawe war u.a. für Filme wie „Gangs of New York“ und „Sieben Jahre in Tibet“ mit verantwortlich.

2015 stellte Fanshawes Witwe Jane den Spitfire-Audio-Leuten das Vermächtnis ihres Mannes vor: In seinem Nachlass befanden sich über 2000 Stunden an Aufnahmen, die er in vier Jahrzehnten auf seinen Expeditionen in die ganze Welt mit seinen analogen Nagra-, Stellavox- und Uher-Bandmaschinen erstellt hatte.
Darunter existieren Klang-Dokumente, die man heute wahrscheinlich gar nicht mehr reproduzieren könnte. Allein dafür, diese Aufnahmen mit Orbis einer breiten User-Schar zugänglich zu machen, gebührt Spitfire Audio ein großes Lob.

Aber man begnügte sich nicht damit, „nur“ Fanshawes Erbe festzuhalten. Die Aufnahmen aus einer Vielzahl an Kulturkreisen dienten als Grundlage für eine wirklich atemberaubende Klangvielfalt. 90 Prozent der Sounds bestehen aus Klängen, die von den Spitfire-Leuten bearbeitet wurden, aber auf den Originalaufnahmen basieren. Das können dann leichte bis extreme und abgedrehte Bearbeitungen sein, bei denen man den Ursprung gar nicht mehr erkennt. Und ja, auch auf die Originalaufnahmen hat der User im Zugriff.

Orbis ist ein perfektes Tool für Film-Komponisten und Sound-Designer aller Art, die Ethno-Klänge als Untermalung benötigen – sei es für Dokumentarfilme oder adere Genres. Aber halt, das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Soundangebot.

David Fanshawe auf Der Jagd Nach neuen Klängen
David Fanshawe auf der Jagd Nach neuen Klängen

Die bearbeiteten Klangfarben. können aber gleichermaßen in EDM-, Elektronik- und andere Sound-Welten, die auf der Suche nach wirklich ungewöhnlichem Klangmaterial sind, verwendet werden.
Ich bin sicher, Depeche Mode hätten an dieser Library ihre helle Freude gehabt.

Orbis bietet dabei keineswegs „nur“ Ambient-Sounds, sondern jede Menge an „playable“ Klängen an, die man normal tonal auf einer Synthesizer-Tastatur spielen kann – und das natürlich polyphon. Und da wird es dann richtig interessant.

Was den User auf Spitfire Audio Orbis erwartet, das lassen die nackten Zahlen schon erahnen:

  • 2984 Sounds
  • 1246 Loops
  • 1221 One Shots
  • 517 Pads
  • 201 Presets
  • 18540 Samples
  • 21,1 GB Download Size
  • 22 GB Disk Space bein Installation notwendig

Für die Installation benötigt man die Spitfire Audio App, ansonsten läuft Orbis nicht, wie andere Spitfire Audio Plug-ins über KONTAKT, sondern wird direkt über die DAW-Spur angewählt (VST2, VST3, AU oder AXX).

Spitfire Audio Orbis Test – Die eDNA-Oberfläche

Mir der eDNA-Oberfläche hat man sich einer Engine und eine GUI bedient, die man bereits im Portfolio hatte (eDNA Earth).
Für eine Klangbearbeitung von Samples ist das vollkommen o.k., für einen Synthesizer hätten es durchaus mehr Möglichkeiten sein dürfen.

An besten man beginnt damit, Einzelsounds in die Bay A zu legen und zu schauen, was da alles vorhanden ist (Bay B sollte am besten aus sein).
Dazu klickt man auf das entsprechende Fenster in der Bay A. Dann klappt das Menu auf und man kann nach Herkunftsland und nach Art des Sounds suchen.

Alleine das Angebot erst einmal zu durchforsten, nimmt schon einige Zeit in Anspruch. Das liegt auch daran, dass hier nicht nur die Originalklänge, hier als „Clear“ bezeichnet, sondern diese auch bereits bearbeitete und verfremdete Versioen vorliegen.

Playable Loop 1:

Hier eine Liste der Varianten, die aber jetzt nicht stets für alle Klänge zur Verfügung stehen.

  • Breakup
  • Clean
  • Dirt
  • Crunch/Low Crunch
  • Mess
  • Shimmer
  • Distant
  • Hollow
  • Metal Space
  • Stretched
  • Warm Hall
  • Slow Fizz
  • Space

Sucht man nach Herkunftsland und Genre, dann kann es passieren, dass gar keine Sounds angezeigt werden. Dies kann ein wenig undurchsichtig wirken.
Scrollt man die Klangfarben durch und entscheidet sich für eine, dann muss man diese mit dem Load-Button erst noch laden. Der unwillkürliche Doppel-Click bringt da nichts.

Die Palette an Sounds ist wirklich immens, egal ob Percussion, Blasinstrument, Zupf- oder Streichinstrumente aus aller Herrn Länder. Auf der Spitfire Audio Seite kann man sich die komplette Soundliste anschauen.

Spitfire Audio Test – Klangbearbeitung über die eDNA-Engine

eDNA ist quasi der „Synthesizer“, der die Sounds lädt und bearbeitet. Die beiden Bays könnte man, um in der Diktion zu bleiben, mit zwei Oszillator-Bänken vergleichen.
In diese Bays lädt man jeweils einen der zur Verfügung stehenden Klänge. Dabei kann man in jede Bay den gleichen oder einen komplett anderen Sound unterbringen.

Dahinter stehen dann die Klangbearbeitungs-Möglichkeiten, die man von einem Synthesizer erwartet und zwar für jede Bay komplett separat: Filter (LP und HP), eine ADSR-Hüllkurve, sowie LFOs (hier Wobble genannt), die auf Volume, Tonhöhe und Filter wirken können. Das Modulationstempo ist regelbar und wird grafisch angezeigt, dabei steht allerdings nur eine Sinuskurve zur Verfügung. Zur Regelung des Filters finden man hier keinen Cutoff- und Resonance-Regler, man muss entweder mit der Maus eine vertikale (Cutoff) bzw. horizontale Bewegung (Resonance) machen, deren Wert dann angezeigt wird.

Die ADSR-Hüllkurve wirkt ausschließlich auf die Laustärke, eine Filtermodulation durch die Hüllkurve ist leider nicht vorgesehen. Schade, eigentlich ein „Muss“ bei einem Synthesizer.

Aufwändiger gestaltet ist der sogenannte Oszillator-Mixer, mit dem man nicht nur das Verhältnis zwischen den beiden Bays verändern, sondern dies auch automatisieren kann, sogar mit einstellbarer Geschwindigkeit und einstellbaren Verlauf. Man kann natürlich das Verhältnis manuell mit dem Modulationsrad bestimmen.

Für jede Bay separat gibt es noch Tune-Funktionen (grob und fein), Panoramaregler, das heißt, Orbis ist stereo, dazu Glide (eher ungewöhnlich) und die Einstellung für die Bend-Funktion.
Dann wäre noch die Clone-Funktion zu nennen, die einen Sound dupliziert. Dieser lässt sich dann fein verstimmen bzw. mit einem Offset-Wert verschieben, was den Klang insgesamt lebendiger erscheinen lässt.

Wir haben gerade gehört, dass beide Bays sich in allen Parametern unabhängig bearbeiten lassen. Manchmal kann es aber hilfreich sein, vielleicht den Attack-Wert der Hüllkurven parallel einzustellen. Hält man die ALT-ATste auf dem Rechner gedrückt, dann verändert man den entsprechenden Wert in beiden Bays gleichzeitig. Sicher eine gute Sache.

Für verschiedene Funktionen steht eine MIDI-Learn-Funktion, mit der man MIDI-Controller gewünschten Funktionen zuweisen kann.
Etwas überproportional in der GUI sind die Main Controls dargestellt, die eigentlich nur die Lautstärke und das Verhältnis im Oszillatormixer bestimmen. Dem überdimensionalen „Knob“ kann man verschiedene Funktionen zuweisen und darüber steuern. Hier wollte man wohl den DJ-Mixer simulieren. Bei einem Synthesizer macht dies eigentlich weniger Sinn.

Im nachfolgenden Video kann man sich die grundsätzliche Bedienung von Spitfire Audio Orbis noch einmal anschauen:

Ich habe es bereits anklingen lassen, die Synthesizer-Sektion ist leider nicht bis zu Ende gedacht worden. Eine extra Filterhüllkurve, mehr Schwingungsformen bei den LFOs. Vielleicht wären auch eine Sync-Funktion bzw. Crossmodulation zwischen den Bays (wenn man sie schon als Oszillator begreifen möchte) sinnvol gewesen.

Auch würde sich die ungewöhnlichen Samples als Grundmaterial für Wavetables eignen. All dies ist leider nicht vorgesehen. Scheinbar wollte man nicht mehr in das Produkt investieren und hat eDNA zweit-verwertet.

Auch die Optik ist aus meiner Sicht nicht perfekt. Spitfire Audio gibt sich bei der Präsentation von Orbis auf der Webseite große Mühe bei den Hintergrundinformationen zu David Fanshawe und den Originalaufnahmen. Davon ist leider beim Produkt nichts mehr zu sehen. Das ist eigentlich schade.

Spitfire Audio Test – Die Presets

Die Presets bestehen aus den Klängen, die den beiden Sound-Bays in der eDNA-Engine zugeordnet sind (es müssen aber keine zwei sein). Dabei unterscheidet Orbis zwischen den folgenden Varianten:

  • Loops Menu
  • Loops Playable
  • One Shot Menu
  • One Shot Playable
  • Pads
  • User

Loops Menu

Hierbei sind die unterschiedlichsten Loops eines Herkunftslands/Kontinents (z.B. Kenya, Senegal, China oder Aisa und Adfrica etc.) auf der Tastatur verteilt, oft sind es nur Teilbereiche der Tastatur. Welcher Bereich aktiv ist, dies zeigt das virtuelle Keyboard im eDNA-Fenster.

Das können Gesangsphrasen, Percussion-Loops uvm. sein. Das ist zwischen den verschiedenen Herkunftsländern unterschiedlich. Die Tonhöhe ist dabei allerdings nicht variabel. Allerdings lassen sich auch mehrere Loops gleichzeitig spielen, dich sich tonal dann nicht in die Quere kommen. Das muss man einfach mal ausprobieren.

Ganz großes Lob an die Spitfire-Audio-Crew: Die Loops passen sich automatisch an das eingestellte Tempo in der DAW an und lassen sich über die DAW auch im Tempo variieren. Das erhöht deutlich die Einsatzmöglichkeiten der Klangfarben.

Loops Playable

Nun reden wir von Loops, die wir tonal über die ganze Tastatur verteilt richtig „spielen“ können. Das ist natürlich ein ganz wichtiges Feature, will man die zur Verfügung stehenden Klänge nicht nur als Hintergrund-Effekt einsetzen, sondern wirklich im Song-Kontext spielen. Damit kann man naürlich komplette Songs entwickeln. Auch hier ist das Tempo der Loops mit der DAW synchron.

One Shot Menu

In Abgrenzung zu den Loops läuft ein Sound nur für eine bestimmte Dauer durch, das kann ein kurzer Percussion-Ton sein oder aber auch eine komplette Phrase eines Blasinstruments. In diesem Fall ist das Tempo der Figur NICHT im Tempo der DAW. Ich finde es auch nicht weiter schlimm, da es wirklich nur kurze Bewegungen sind.

Im One Shot Menu sind dann auch wieder komplett andere Figuren auf den einzelnen Tasten, die aber, polyphon gespielt, irgendwie immer zusammenpassen.

One Shot Playable

Auch hier sind die One Shots über die ganze Tastatur verteilt tonal spielbar und natürlich polyphon.

Pads

Das sind, wie der Name es schon sagt, Texturen und Flächen, die wie gewohnt tonal gespielt werden können. Die Klangcharakteristik dieser Pads erinnern weniger an warme Analog-Brass- oder Strigs-Sounds als eher an metallische Sounds à la Synclavier, Fairlight oder auch PPG.

User

Hier findet man die über eDNA programmierten eigenen Presets.

Spitfire Audio Orbis – Die Effekte

Aus der Main Page heraus gelangt man auf die Effektseite, die eigentlich keine Wünsche offenlässt, weder von der Effektqualität noch von den Möglichkeiten.

Im Prinzip ist das schon die aufwändigste Abteilung von eDNA und damit vom Orbis. An Klangbearbeitungs- und Effektmöglichkeiten hat Spitfire Audio alles aufgefahren, was machbar und notwendig ist. Mit bis zu 8 Effekt-Sends und Mastereffekten ist diese FX-Sektion eine Sache für sich, mit der man sich wirklich intensiv auseinandersetzen muss.

Wie Effekte geschaltet sind, das entnimmt man am besten der nachstehenden Grafik.

Spitfire Audio Orbis Die Effekte
Spitfire Audio Orbis Die Effekte

Man unterscheidet zwischen Aux-, Send und Master-Effekten. Jeder Effekt ist in seinen wichtigsten Parametern regelbar. Müßig zu sagen, dass Bay A und B unterschiedlich mit Effekten versehen werden kann (außer Master FX).

Spitfire Audio Orbis Test – Der Gate Sequencer

Wir haben gehört, dass man mit dem Oszillator-Mixer zwischen den beiden Bays A und B hin und her blenden kann. Mit dem Gate-Sequenzer kann man dies sogar rhythmisch gestalten und auch wieder im Tempo der DAW. Eine ganz einfache Variante wäre, bei jedem Beat von Bay A auf Bay B und wieder zurück zu gehen. Dies kann man aber auch mit dem Sequenzer sehr viel subtiler gestalten.

Spitfire Audio Orbis Gate Sequenzer
Spitfire Audio Orbis Gate Sequenzer

Spitfire Audio Test . Das Fazit

Mit Orbis hat Spitfire Audioes geschafft, die teilweise unwiederbringlichen Aufnahmen aus dem Fundus von David Fanshawe der Nachwelt zu erhalten. Und das in einer wirklich hervorragenden Klangqualität. Sound Designer und Filmmusiker, die nicht nur Musik, sondern auch Atmosphären schaffen wollen, die werden bei Orbis fündig.

Auch die Idee, das Klangmaterial zu verfremden und damit weit über ein Klangarchiv für Ethno-Sounds hinauszugehen, ist toll. So macht man Spitfire Audio Orbis auch für die veschiedensten Musikstile attraktiv.
Vielen Sounds merkt man den Ursprung^ gar nicht mehr an. Manche Sounds sind wirklich ungewöhnlich, verrückt, bombastisch, metallisch und fremd. Das ist der Reiz.

Besonders hervorheben sollte man, dass Orbis Klänge tonal gestimmt anbietet und die Loops sich automatisch zur DAW synchronisieren. So ist Orbis kein reines Tool für Sound Design, wie es zum Beispiel eine Engine wie Xosphere von Sample Logic ist. Nein Orbis ist vollkommen musikalisch nutzbar. Auch weit außerhalb von Filmmusik und Filmvertonung.

Nur passt aus meiner Sicht die eDNA-Engine nicht hundertprozentig zum Anspruch. Wer sein Produkt „World Synthesizer“ nennt, der muss sich an diesem Anspruch messen lassen. Und da war man beim Hersteller nicht konsequent genug.

Leider fehlen dann ein paar Funktionen, die Orbis dann zu einem wrklich perfekten Synthesizer gemacht hätten. Dafür hätte man aber bei Spitfire Audio nicht eDNA zweitverwerten dürfen, sondern eine eigene Umgebung für David Fanshawes Erbe programmieren müssen. Ich finde, es wäre es wert gewesen.

Aber trotzdem, Spitfire Audio Orbis ist für alle eine Empfehlung, die mal über normale Synthesizer-Sounds, wie Super-Saw oder Synthi-Bläser hinauswollen.

Allein mal das Grundangebot an Ethno-Klängen zu durchforsten, macht wirklich Spaß. Und die Loops und Pads können extrem inspirierend sein.

Spitfire Audio Orbis kostet 349 Euro.