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Native Instruments NOIRE ist mehr als ein Virtual Piano: Es ist ein Tool für Sound Designer, Filmkomponisten und alle Musiker, die gerne mit dem Flügelklang arbeiten.

Native Instruments NOIRE entstammt einer Kooperation von Galaxy Instruments, Native Instruments und dem Pianisten Nils Frahm. Grundlage von NOIRE ist der 9‘ Yamaha-Flügel CFX aus dem Besitz von Nils Frahm, der von ihm quasi handverlesen ausgesucht und nach seinen Wünschen eingestellt und präpariert worden ist – also ein sehr persönliches Instrument.

Aufgenommen wurde NOIRE im Funkhaus Berlin, und zwar im Sendesaal 3, bekannt für seine spezielle Akustik. Für die Aufzeichnungen sorgte Uli Baranowski, der schon für die Una-Corda-Library verantwortlich war.

Die Installation ist denkbar einfach. Alles läuft über Native Access, die Library benötigt nur den kostenlosen KONTAKT Player.

Native Instruments NOIRE Test – Das Grundprinzip

Ruft man in KONTAKT die NOIRE-Library auf, sieht man sofort, dass diese eigentlich aus zwei Instrumenten besteht: Dem Yamaha NOIRE Pure und dem NOIRE Felt. Und so finden wir im Browser auch zwei NKI-Instrumente.

Obwohl, „zwei Instrumente“ ist nicht auch nicht ganz richtig, denn in beiden Varianten handelt es sich um den gleichen Flügel. Einmal nur so, wie er ist, also pur, und um eine spezielle, mit Filz präparierte Version. Dabei wurde zwischen Saiten und Hammer Filz angebracht. Das erzeugt einen gedämpften, weniger crispen, aber sehr warmen und intimen Klang hervor, den ich mir gut in Balladen oder New-Age-Produktionen vorstellen kann.

Vom Ergebnis her sind es dann doch wieder zwei Instrumente mit völlig unterschiedlichem Klangcharakter.

Aber NOIRE bietet noch weitere Klangvarianten, die über die Möglichkeiten eines „Virtual Pianos“ hinausgehen. Native Instruments bezeichnet diese Funktion als „Particle Engine“. Dabei werden in einer Art Klangwolke rhythmisch pulsierende aber auch tonale Texturen und Strukturen erzeugt, die sich um die vom Pianisten gespielten Töne ranken. Diese Klangwolke entsteht „zufällig“, jedoch in Abhängigkeit von den gewählten Parametern und dem, was gespielt wird.

Dabei werden die Klangfarben mehr oder weniger in die Räume zwischen den Tönen gelegt. Dabei entstehen Sounds mit rhythmischen Verzierungen bis hin zu kompletten Pads, die über das hinausgehen, was ein Klavier normalerweise erzeugen kann. Hört sich kompliziert an, nicht, wenn man sich mal ein Bespiel anhört.

Mit diesem Aufbau geht Native Instruments NOIRE einen komplett anderen Weg als das kürzlich getestete Virtual Piano von VSL (Vienna Symphonic Library). Hier steht nicht nur die klare Emulation des Klavierklangs im Vordergrund, sondern auch das, was man alles aus dem Grundmaterial „Klavier“ an Soundvarianten formen kann. Ich bin fast sicher, ein Ludovico Einaudi hätte seine helle Freude an den „Particle Engines“ von NOIRE.

Native Instruments NOIRE Test – Der erste Eindruck

Die Start- oder Hauptseite (übrigens identisch bei beiden Versionen Pure und Felt) macht sofort einen angenehm übersichtlichen Eindruck. Im optischen Mittelpunkt steht der Hauptdarsteller, der 9′ CFX Yamaha Flügel. Darunter sehen wir die ersten Bedienelemente: Color, Tonal Shift, Dynamic, Reverb und Delay. Damit können wir den Grundklang nach unseren Wünschen verändern.

"Startseite

Die Funktionen der Parameter erschließen sich fast von selbst. Color macht den Sound weicher oder härter, Tonal Shift beeinflusst die Abspielgeschwindigkeit der Samples. Nach links gedreht wird der Klang sehr schmal und drahtig, nach rechts eher dumpfer nd voluminöser. Dies ist eigentlich ein Relikt auf früheren Studiozeiten, wo man mit unterschiedlichen Bandgeschwindigkeiten experimentiert hat. Beatles-Produzent George Martin arbeitete gerne mit diesem Trick. Etwas in Halfspeed aufzunehmen und dann in der doppelten Geschwindigkeit abzuspielen, klingt anders, als es direkt in der „richtigen“ Geschwindigkeit abzuspielen.

Hier lohnt es sich, einfach mal damit zu experimentieren. Mit Dynamic ändern wir den Dynamik-Umfang, Reverb und Delay regeln den Anteil dieser Effekte (die sich aber noch feiner einstellen lassen).

Oben links sind vier Links zu erkennen, die auf vier Unterseiten führen, über die man weitergehende Bearbeitungen vornehmen kann. Wir beginnen mit dem Stimmschlüssel, der auf die Piano Editing Seite führt.

Native Instruments NOIRE Test – Piano Editing Seite

Auf dieser Seite finden wir eine Menge Parameter, mit der sich der Flügel nach eigenem Gusto herrichten lässt. Die Seite ist in vier Bereiche unterteilt: Anatomy, Noises, Tone und Settings.

Unter Anatomy fallen die Bereiche Release Samples, Overtones und Attack. Diese sind hinzuschalt- und in der Intensität regelbar. Die Bandbreite reicht von leichten Nuancen bis hin zu „Verfremdungen“ des eigentlichen Klavierklangs. Regelt man Attackzeit dazu, dann entfällt der Piano-typische perkussive Einschwingphase und aus dem Klavierklang wird schon fast ein Flächensound.

Mir persönlichen hat es z.B. gut gefallen, mit den Release-Sample zu experimentieren. Intensiv aufgedreht erinnert das schon ein wenig an Resonanzsaiten einer Sitar o.ä..

Mit Noise regelt man die unweigerlich auftretenden „Nebengeräusche“, wenn man das Pedal betätigt oder eine Taste anschlägt und wieder loslässt. Dies lässt sich in verschiedenen Parametern sehr fein einstellen, so dass man das Gefühl hat, wirklich an einem Flügel zu sitzen. Aber man kann diese Geräusche auch „überziehen“, sodass sie Teil des Gesamtklangs werden. Damit geht man natürlich auch vom „natürlichen“ Klavierklang weg, aber das ist ja auch so gewollt.

Auch die Tonal Area hat Einfluss auf den Klang. Dabei kann man dem Klang bestimmte Resonanzen hinzufügen, was den Ton voller machen kann. Interessant und tricky finde ich den „Sub Bass“. Hierbei hat man den Speaker eines Yamaha NS-10-Lautsprechers zum Mikrofon umgebaut und damit den tiefen Bereich des Flügels gesampelt. Das Ergebnis entspricht ungefähr dem Hinzuschalten eines Suboszillators beim Synthesizer, hier aber organisch erzeugt. Der Bereich, ab dem das wirken soll, ist einstellbar. Schließlich können wir hier noch den Laustärkeanteil der Bässe unterhalb von C3 regeln.

Im Setting-Bereich bestimmen wir das Tuning (auch umschaltbar zwischen stretched du equal), die Velocity-Kurve, Silent-Key und ein paar Pedal-Funktionen. Alles in allem stellt Native Instrument NOIRE eine Vielzahl von Einstellmöglichkeiten zur Verfügung, mit denen man das Klavier tunen oder aber verfremden.

Mir gefällt auch hier die Übersichtlichkeit und die fast schon selbst-erklärenden Regler. Das ist alles sehr benutzerfreundlich.

Native Instruments NOIRE Test – Die Effekte

In diesem Bereich finden wir den EQ, einen Compressor und einige andere, teilweise ungewöhnlich Funktionen. Hall- und Delay-Effekte befinden sich auf einer Extra-Seite.

Der EQ verfügt über drei Bereiche, die hier Presence, Body und Bass genannt werden, was High, Mid- und Low entspricht. Die drei Bänder sind dann jeweils nochmals in drei Segmente unterteilt. Dazu kommt dann ein Level-Regler für jedes Band. Ich finde es durchaus positiv, dass man sich bei der Namensgebung eher an eine Klavier-bezogene Sprache gehalten hat, als das nüchtern mit HighMid, LowMid etc. zu bezeichnen, aber das ist Geschmackssache.

In diesem Bereich habe ich noch einen Compressor zur Verfügung, Einfluss auf die Transienten (was wiederum die Attackphase betrifft), Regler für das Stereo-Image und einen Style-Button. Hinter letzterem verbergen sich die verschiedenen Effekt-Presets, die den Sound des Klaviers deutlich beeinflussen. Ich will da nur als Beispiel den Style „Rhodes-Tremolo“ nennen, was aus dem Flügel ein tolles E-Piano zaubert.

Insgesamt ist dieser Effektbereich dafür zuständig, den Pianoklang in verschiedenster Hinsicht zu „verfremden“, was jetzt positiv gemeint ist.

Witzig finde ich dann noch den Ambience-Bereich, der die Geräusche wiedergibt, die der Pianist selbst erzeugt, wozu auch Atemgeräusche und andere Dinge gehören. Auch diese können leicht beigemischt aber auch überzogen dargestellt werden.

Besonders hervorheben möchte ich an dieser Stelle die Noise-Sektion, die 32 verschiedene „Geräusche“ anbietet, vom Knacken einer Vinyl-Schallplatte bis hin zum Grundrauschen von bestimmten Räumen, Kassettenrecordern, alten analogen Radios und, und, und. Wer da spezielle Atmosphären aufbauen möchte, der wird hier fündig. Das ist sicherlich auch für Filmkomponisten und Sound-Designer interessant. Schnell kann man da eine Klavieratmosphäre wie beim Filmklassiker Casablanca (As Time Goes By) schaffen. Kompliment an die Schöpfer von NOIRE, kann mir vorstellen, dass man so etwas auch bei einem Glas guten Rotweins konzipiert.

Auf jeden Fall dienen die ganzen Parameter dazu, eine wirklich ungeheure Lebendigkeit zu erzielen, als auch insgesamt ungewöhnliche Klangfarben zu erzeugen.

Native Instruments NOIRE Test – Die Particles Engine

Bei den Aufnahmen wurde der Yamaha Flügel nicht nur herkömmlich gespielt, sondern auch mit Schlegeln und Besen gespielt und mit Plektren gezupft. Die dabei entstehenden Sounds sind u.a. Grundlage für das, was in der Particles Engine passiert.

"Particles

Hier werden tonale, rhythmische u.a. Elemente zufällig, aber in Abhängigkeit vom Gespielten hinzugefügt. Dahinter steht ein Algorhitmus, der Soundwolken, Pads oder Arpeggien erzeugt. Unromantisch formuliert könnte man dies aus als eine Art Begleitautomatik bezeichnen. Aber auch das würde es nicht wirklich treffen. Intensität und Art der Soundwolken kann durch verschiedenen Parameter in eine bestimmte Richtung gelenkt werden. Auf alle Fälle wirkt das sehr inspirierend, man kommt dabei wirklich auf neue musikalische Ideen.

Mit den verschiedenen Einstellungen und Auswirkungen aus das Klanggeschehen muss man schon ein wenig experimentieren, was aber unheimlich Spaß bringt. So kann man als Basis z.B. das Verhältnis zwischen eigentlichem Klaviersound und Klangwolke einstellen (und über MIDI-Learn auch einem Controller zuordnen). Besonders wichtig, die Particle Engine lässt sich auf Wunsch auch mit das DAW-Geschwindigkeit synchronisieren.

Interessant ist auch die Delay-Funktion, die die Klangwolke zeitlich hinter den Klavierton versetzt. Alles in allem gibt es hier eine Riesenmenge an Möglichkeiten.

Ich fand das Ergebnis der Particle Engine einfach wunderbar. Irgendwie erinnerte mich dabei sehr viel an die Musik von Ludovico Einaudi, dessen Klaviermusik auch sehr geschmackvoll umrankt wird. Anhänger dieser Musik werden voll auf ihre Kosten kommen.

Hier ein Soundbeispiel für Particle Engine von NOIRE:

Native Instruments NOIRE Test – Space Edit

Auf der Space-Seite lassen sich dem Sounds noch Reverb und Delay hinzugeben. Auch hier finden wir eine Vielzahl von Möglichkeiten. Zur Verfügung stehen ein Convolution- und ein algorithmischer Hall.
Das Delay basiert auf dem Native Instruments REPLIKA Delay.

Native Instruments NOIRE Test – Die Klangqualität

Die Klangqualität ist ausgezeichnet, auch wer nur den reinen Pianosound verwenden möchte, der ist mit Native Instruments NOIRE bestens bedient, obwohl man hier nicht die Möglichkeit hat, mit Mikrofonpostionen zu „spielen.“

Ein Klangbeisspiel mit NOIRE Pure (Bach):


Wenn man dann aber aus dem Klavierklang etwas Neues entwickelt, dann zeigt NOIRE seine wirkliche Stärke. Toll die „Nebengeräsuche“, faszinierend, wie aus dem Flügel ein E-Piano wird. Isnpirierend die Klangwolken der Particle Engine.

Nachfolgend Claire de Lune mit Felt Piano ohne Particles Engine:

Nachfolgend Claire de Lune mit Particles Engine:


Besonders angetan hat mit die „Felt“-Variante, die wirklich ein weichen und sehr eigenständigen Klang bietet. Der bietet sich für wunderbare Balladen oder auch New Age- und Ne Classic-Musik geradezu an..

Native Instruments NOIRE Test – Fazit

Der Begriff „Virtual Piano“ geht bei Native Instruments NOIRE eigentlich viel zu kurz. Es ist mehr ein Sounddesigner auf Basis von Klaviersampeln. O.K., man kann das Plug-in auch wunderbar als reine Flügel-Emulation verwenden. Der Klang des NOIRE Pure ist wirklich ausgezeichnet. Aber da liegt eigentlich gar nicht so der Fokus drauf. Aus diesem Grund hat man wahrscheinlich auch darauf verzichtet, eine Vielzahl von Mikrofonpositionen anzubieten. Insofern verfolgt das NI NOIRE einen völlig anderen Ansatz als z.B. das Vienna Steinway D-274.

NOIRE macht aus dem Klangmaterial teilweise etwas ganz anderes: Texturen, Pads, Loops, Ambient Sounds und sogar Pads sind möglich. Gemein ist allen Klangvariationen, dass man den Klangursprung „Flügel“ immer erkennt. Und das macht den Reiz von Native Instruments NOIRE aus. Man entdeckt immer weiter neue Variationen. Das macht einfach Spaß.

Ursprünglich wollte ich eigentlich das VSL Steinway D-274 und Native Instruments NOIRE vergleichen, aber das macht keinen Sinn, da beide Librarys zwar mit dem Flügelsound arbeiten, aber dann komplett andere Wege gehen. Wer den perfekten reinen Klavierklang möchte, der wird mit Vienna vielleicht besser fahren. Wer aus dem Flügelsound etwas anders machen möchte, der wird zu NOIRE greifen. Und eer es sich leisten kann, der sollte beide Plug-ins besitzen.

Großes Kompliment an Galaxy Sounds, Native Instruments und Nils Frahm für eine wirklich kreative Entwicklung eines kreativen Soundtools. Der Preis von 149 Euro ist allemal angemessen. Liebhaber des Flügelklangs werden NOIRE lieben. Und ich bin sicher, Ludovico Einaudi würde seine helle Freunde mit NOIRE haben.