Dave Smith mit dem DSI Poly Evolver Keyboard 2005
Dave Smith posiert mit dem DSI Poly Evolver Keyboard-Synth auf der NAMM Show im Januar 2005. Der Poly Evolver ist ein vierstimmiger Analog/Digital-Hybridsynth mit Reglern, Knöpfen und jede Menge LEDs. Es gibt auch eine Rack-Version. (Foto: Mark Vail)

Der Sequential Circuits Prophet-5 gilt als einer der absoluten Analogklassiker überhaupt. Wir blicken zurück auf seine Geschichte, die im Jahr 1978 begann.

Im anbrechenden Jahr 1978 gab es in der Synthesizer-Szene mal etwas echt aufregend Neues. Zu dieser Zeit waren die Industriegiganten Moog und ARP noch klar die Platzhirsche, während die Japaner Roland, Korg und Yamaha sich eher „stets bemühten“, einen Synthesizer zu bauen, der sich in den USA verkaufen ließ.

Die einzigen Synthesizer, die mehr als eine Note gleichzeitig erzeugen konnten (wenn man mal das Stimmen mehrerer VCOs auf einen Akkord vernachlässigt) waren Tom Oberheims modulare Two-, Four-, und Eight-Voice-Synthesizer, Moogs Polymoog und ARPs zweistimmiger 2600. Der Oberheim mit Programmer war der einzige polyphone Synthesizer mit der Fähigkeit, Patches zu laden, konnte jedoch nicht alle Parameter abspeichern.

Im Januar besagten Jahres, während der NAMM-Show, wurden im Tagungscenter des Disneyland Hotels in Anaheim (Kalifornien) zwei historische Meilensteine enthüllt. In einem privaten Ausstellungsraum führte Yamahas John Gatts den CS-80 vor, einen achtstimmig polyphonen Synthesizer mit fest verdrahteten Speicherplätzen und dem ersten Keyboard mit polyphonem Aftertouch – was bedeutet, dass jede einzelne Taste individuell druckempfindlich ist.

Prophet-5 – Sequential Circuits aus der Garage

Zur selben Zeit, versteckt auf einem winzigen Stand im Untergeschoss des Convention Centers, zeigten Dave Smith, der frühere Moog-Vorführer John Bowen und die Geschäftsfrau Barb Fairhurst — damals die Gesamt-Belegschaft von Sequential Circuits — einen gerade so funktionierenden Prototypen des Prophet-5. Sequential Circuits war ein kleines Startup in der Garage von Dave Smith in San Jose (Kalifornien), das bisher lediglich mit einem digitalen Sequencer und einem generischen Synth-Programmer „aufgefallen“ war.

Niemand hätte solch einer kleinen Firma zugetraut, die Synthesizer-Branche derart aufzumischen. Trotzdem – während ARP und Moog sich gegenseitig zähe Kämpfe um den gegenseitigen Diebstahl von Bauteilen oder die Vorteile von Wheels versus Ribbons versus PPCs (Proportional Pressure Controllers – schwammartige, druckempfindliche Felder) lieferten, hatte Sequential exakt das Instrument mit exakt dem Sound und den Features aus dem Hut gezogen, das die Musikerwelt damals wollte und brauchte.

Prophet-5 – Features

Sequential Circuits Prophet-5 Anzeige, Oktober 1979
Sequential Circuits schaltete diese Anzeige für den Prophet-5 im Oktober 1979. (courtesy of Dave Smith Instruments)

Nach heutigen Maßstäben wären die Features nicht sonderlich beeindruckend: 40 Speicherplätze für Patches (spätere Versionen kamen auf 120), fünf identische Stimmen, keine Multitimbralität, druck- und anschlag-ignorantes Keyboard, ein Tiefpassfilter … und so weiter. Dafür war der Prophet-5 der erste Synthesizer, der jedes einzelne Parameter speichern konnte.

Entgegen der landläufigen Sage hatte die Stimmen-Architektur mehr mit dem ARP Odyssey als mit dem Minimoog gemeinsam, da es pro Stimme zwei Oszillatoren und einen LFO gab. Wo der Minimoog nur drei Pulswellen fester Breite bietet, war die Pulsbreite im Prophet-5 stufenlos variabel. Man konnte Osc1 zu Osc2 syncen – ein Odyssey-Feature, das es im Minimoog nur per Modifikation gab – und seine zwei Hüllkurven-Generatoren waren ADSRs (die des Mini waren ADS mit schaltbarer, an den Decay-Knob gekoppelter Release-Phase).

Die Poly-Mod-Sektion des Prophet-5 trug maßgeblich zu seinem charakteristischen Sound bei. Hier konnte man die Tonhöhe oder Pulsbreite von Osc 1 und/oder die Filter-Cutoff-Frequenz von der Filterhüllkurve oder sogar Osc 2 modulieren lassen. Diese Modulations-Routings produzierten zusammen mit der Sync-Funktion den „Sweeping Sync“-Sound – in der Regel eine Variation des Original-Presets 33 – der zum zeitweise hoffnungslos überstrapazierten Markenzeichen des Prophet-5 wurde.

Prophet-5 – „Revs“

Es gab drei Versionen – oder Revisionen, meist als „Revs“ bezeichnet – des Sequential Circuits Prophet. Jedes Modell war eine verbesserte Version des vorigen – zumindest in der Theorie. Von den originalen Prophet-5s haben nur wenige über die Jahre überlebt, da sie von Hand gebaut waren und nicht die später eingeführte, deutliche striktere Qualitätskontrolle durchlaufen hatten. Rev1-Modelle wurden so damals so schnell wie möglich über die Theke gereicht, damit Sequential die Rechnungen bezahlen konnte. In der Folge waren die Rev1s fehleranfällig und fragil.

Eine Rev1 lässt sich von der Rev2 durch das Gehäuse aus rötlichem Koa-Holz unterscheiden. Die meisten Rev2s und alle Rev3s hatten ein Walnussholz-Gehäuse. Weitere Unterscheidungsmerkmale waren die Position des Netzschalters – bei Rev1s auf dem Frontpanel, bei Rev2 auf der Rückseite – sowie den ab Rev2 eingeführten Tune- und Edit-Buttons. Extern sichern ließen sich Prophet-5-Patches nur über Kassetten-Recorder. Das Interface war erst ab Rev2 serienmäßig, konnte bei den Rev1-Versionen aber nachgerüstet werden. Die Rev3 hatte Bedienelemente für das Cassetten-Interface auf der Frontplatte. Sound-Speicherung über Kassetten war ein heikles Unterfangen, das uns heutzutage dankenswerterweise erspart bleibt.

Über die Unterschiede im Erscheinungsbild hinaus gab es auch klangliche. Rev1- und Rev2-Modelle klingen fetter und kräftiger als Rev3, denn Sequential benutzte in ersteren SSM (Solid State Music) Chips, wechselte für die späteren Modelle aber aus Gründen der Stabilität und Bauteilkonsistenz auf Curtis-Chips.

Revs 2 und 3 lassen sich einfacher warten als Rev1, da Sequential später die Platzierung der Platinen änderte. Um etwa die Tastenkontakte in einer Rev1 zu reinigen, muss man die gesamte Platine mit dem Z80-Mikroprozessor ausbauen. Baut man diese falschherum wieder ein, frittiert es den Z80. Zapp! Ab Rev3 gab es übrigens noch die Möglichkeit, jede Note der Oktave individuell zu stimmen und diese Einstellung als Bestandteil eines Patches zu speichern.

Rev 3.2- oder 3.3-Maschinen sind die einzigen, die sich mit MIDI nachrüsten lassen. Der Umfang der MIDI-Implementation reicht hier von basic (nur Omni-Mode) bis luxuriös (Poly Mode, 16-Kanal-Zuweisung, Program Change, Pitchbend in drei Ranges, Patch-Datenübertragung). Alles in allem gab es sechs Versionen der MIDI-Software. Interessanterweise unterstützte keine einzige davon das Modulationsrad – es gab einfach keinen Platz dafür im ROM.

Sequential vermarktete damals einen digitalen polyphonen Sequencer, der sich direkt an Rev3-Prophets anschließen ließ, und zwar über einen seriellen Digital-Bus, der 30mal schneller war als das spätere MIDI. Laut Dave Smith wurden nur wenige hundert davon gebaut und zu einem Preis um die $1,300 verkauft.

Prophet-5 – Der 10-stimmige Prophet-5

1978 baute Sequential eine Handvoll zehnstimmige Prophets im Gehäuse des Prophet-5. Patrick Gleeson und Joe Zawinul waren zwei Synthesisten, die diese Maschinen bekamen. Diese Prophet-10s – nicht zu verwechseln mit den zweimanualigen Monstern von 1980 – litten aufgrund von Hitzeentwicklung an heftigen Stimmschwankungen. Das Chassis war einfach nicht groß genug, um die Hitze von zwei Hauptplatinen abzuleiten. Nicht mal zusätzliche Kühlkörper halfen da wirklich.

Prophet-5 – Arturia Prophet V

Arturia Prophet Hybrid
Virtuelle Modelle des Sequential Circuit Prophet-5 und Prophet-VS gibt es in Arturias Prophet V. (courtesy of Arturia)

Seit vielen Jahren ist der Prophet-5 nun ein sehr gefragtes Juwel auf dem Vintage-Synth-Markt. Einen zu restaurieren und in Schuss zu halten, kann jedoch teuer und schwierig werden. Für alle, die auch mit einem Softsynth zufrieden sind, gibt es den Arturia Prophet V (Link zur Arturia-Webseite). Für alle anderen gibt es ebenfalls weiter unten große Neuigkeiten.

Prophet-5 – Die weitere Laufbahn von Sequential Circuits

Sequential Circuits brachte vor dem Aufkauf durch Yamaha (1988) noch viele tolle Instrumente heraus. Der Prophet T-8 (1983-84) zum Beispiel war eigentlich „nur“ ein achtstimmiger Ableger des P5, bot aber eine umfassende MIDI-Implementation, ein anschlagdynamisches, gewichtetes Keyboard mit 76 Tasten, das auch Release-Velocity und polyphonen Aftertouch unterstützte, dazu Keyboard-Split, Voice-Layering und Drehknöpfe bis zum Abwinken — zu einem stolzen Listenpreis von $5,895. Am anderen Ende der Preisskala lag der Pro-One ($745, 1981-84), ein populärer Mono-Synth mit zwei Oszillatoren, einem Arpeggiator und einem Step-Sequencer mit 40 Noten.

1985 erfand Sequential’s Chris Meyer die Vektor-Synthese, als er mit anderen Sequential-Ingenieuren darüber sinnierte, wie Sampler digitale Wellenformen abtasten. „Beim Skizzieren der Funktionsweise von Loop-Playback zeichnete ich plötzlich einen Bogen über mehrere Wellenformen,“ erzählte mir Chris einmal. „Ich dachte, wie würde es klingen, wenn man vier Wellenformen über zwei Dimensionen scannen könnte statt nur einer?“

Seine Idee führte zum Prophet-VS, der von 1986 bis 1988 gebaut wurde. Er zeichnet sich vor allem dadurch aus, ein fantastisches Instrument zu sein, dessen Erfolg im Markt leider aber erst einsetzte, als es selbst und sein Hersteller schon lange Geschichte waren.

Während die meisten Synthesizer damals und gestern lediglich zwei Oszillatoren pro Stimme bieten, kommt der VS gleich mit deren vier, wovon jeder 127 Wellenformen erzeugen kann (32 davon frei programmierbar). Besonderheit ist das dynamische Überblenden der Wellenformen über eine spezielle Hüllkurve und einen Joystick. Das Ergebnis sind teilweise wirklich erstaunliche Sounds.

Dave Smith selbst fungierte nach seinen Tagen als Berater bei Yamaha (SY22 Keyboard und SY33 Tischgerät mit Vektorsynthese) und Korg (Wavestation Vektor-Synthesizer) als Präsident und Chef-Entwickler bei Seer Systems, wo er 1997 mit Reality einen der ersten Software-Synthesizer veröffentlichte.

DSI Evolver Keyboard
Das erste Dave Smith Instruments Produkt war das monophone, Analog/Digital Evolver Tischgerät-Modul. Dies ist das DSI Mono Evolver Keyboard. (courtesy of Dave Smith Instruments)

Prophet-5 – Dave Smith heute

DSI Tetra
DSIs Tetra ist ein vierstimmiger, analoger Tabletop-Synth mit multitimbralen Fähigkeiten. (courtesy of Dave Smith Instruments)

Seit 2002 betreibt er „Dave Smith Instruments“ (DSI, www.davesmithinstruments.com), wo er wiederum eine breit gefächerte Palette an hochwertigen Synthesizern entwickelt und baut, darunter die analog/digitale Evolver-Serie, der analoge achtstimmige Prophet 08, der zwölfstimmige hybride, digital/analoge Prophet 12, das analog-monophone Mopho Desktop-Modul und den vierstimmigen Mopho x4 Keyboard-Synth, den polyphone Tetra Desktop-Synthesizer, und den vor CV Ein-/Ausgängen strotzenden, hybriden, monophon/paraphonen Pro 2. Von letzterem sagte mir Dave, dass er eine herausragende Steuerzentrale für ein modulares Synthesizer-System abgibt.

DSI Tempest analog drum machine
Dave Smith und Roger Linn taten sich zusammen und erschufen den DSI Tempest Drumcomputer. Entgegen einer typischen Drum Machine hat der Tempest große Synthese- und Sequencer-Möglichkeiten. (courtesy of Dave Smith Instruments)

Er tat sich auch mit der Drum-Machine-Legende Roger Linn zusammen; heraus kam die analog/digitale Synthesizer/Drum-Machine-Kombination Tempest, die beide auf der NAMM 2011 vorstellten.

Nicht zuletzt war Dave Smith maßgeblich federführend bei der Entwicklung des MIDI-Standards, wofür er zusammen mit Roland-Gründer Ikutaro Kakehashi am 9. Februar 2013 einen Grammy bekam (Technical Grammy Award zur Würdigung von 30 Jahren MIDI).

Prophet-5 – Der Nachfolger: Sequential Circuits Prophet-6

25-DSI-Prophet-6
Alle, die sich den Sequential Circuits Prophet-5 damals nicht leisten konnten, haben jetzt eine neue Chance die Magie einzufangen: Den neuen Prophet-6 polyphonic analog synth stellte Dave Smith im Januar 2015 auf der NAMM Show vor. Und die, die 1978 noch gar nicht auf der Welt waren, sollten ihn natürlich auch unbedingt ausprobieren! 😉 (courtesy of Dave Smith Instruments)

Ende 2014 wandte sich Mr. Kakehashi an Yamaha mit der Bitte, den Namen Sequential Circuits Namen an Dave Smith zurückzugeben. Der Bitte wurde stattgegeben, und so konnte DSI auf der Winter NAMM 2015 den Prophet-6 vorstellen, einen sechsstimmig polyphonen Analog-Synthesizer, auf dessen Frontplatte stolz die Sequential-Plakette prangt. Und zu guter Letzt hat DSI mit den Eurorack-Modulen „DSM01 Curtis Filter“ und „DSM02 Character“ neuerdings sogar etwas für die Freunde von Modularsynthesizern im Angebot.

(Übersetzung: Peter Gorges)

Teil 1: Am Anfang war der Moog
Teil 2: Frankenstein” und der ARP 2600
Teil 3: Pure Magie: “Birdland” und Oberheim SEM
Teil 5:
Digitales aus Down Under
Teil 6:
Bahnbrechende Digitaltechnik aus Deutschland – der Waves 2.3
Teil 7:
Lineare FM – der Yamaha DX7
Teil 8:
Korg M1 – die Workstation überhaupt
Teil 9:
Clavia Nord Lead – Die Rückkehr der Knöpfe
Teil 10:
Modulare Synthesizer für das 21. Jahrhundert