Tom Oberheim - Eine Synthesizer Legende
Synthesizer Pionier Tom Oberheim

In der dritten Folge unserer Serie über die 10 wegweisendsten Synthesizer aller Zeiten wollen wir uns mit Tom Oberheim und den Oberheim Synthesizern beschäftigen.
Dazu gehen wir zurück in das Jahr 1974:

Das Oberheim SEM „Synthesizer Expander Modul“ aus dem Jahr 1974 war der Start einer ganzen Reihe legendärer Synthesizer von Tom Oberheim. Und was das mit Joe Zawinul und „Birdland“ zu tun hat, das klären wir jetzt.

Die ersten sieben Noten wanden sich aus dem Autoradio, fanden ihren Weg in mein Ohr – und ließen mich nie wieder los. Ich rede von meiner ersten Begegnung mit Birdland im Jahr 1977. Birdland war der erste Track auf Weather Report’s Heavy Weather-Album. Was für einen umwerfend fetten und trotzdem dezenten Bass-Synth-Sound Joe Zawinul da spielte!

Wir werden es wohl niemals genau erfahren. Joe starb im September 2007, im Alter von 75 Jahren. Als ich dies hier im April 2015 schrieb, stellte ich Zawinul/Weather Report-Experten aus meinem Freundeskreis die Frage, welchen Synth Joe wohl für diesen Part benutzt hat. Bisher hatte ich – nicht als Einziger – angenommen, er habe diese Noten auf einem ARP 2600 gespielt. Ein Experte wollte den 2600 sogar eindeutig am Filter-Envelope-Snap und am speziellen Sound des Spring Reverbs erkannt haben; ein anderer wusste, dass einer von Joes Technikern dies bestätigte.

Die Mehrheit für das Oberheim SEM

Die Mehrheit derjenigen, die mir antworteten, hatte jedoch die Vermutung, es handele sich um einen anderen Synth, basierend auf einem magischen kleinen Kasten, der als SEM bezeichnet wird. Das wäre dann tatsächlich das Oberheim „Synthesizer Expander Modul“, 1974 von Tom Oberheim vorgestellt.

Es war als Erweiterung des DS-2 Digital Sequencers (s.u.) zur Wiedergabe monophoner Linien gedacht. Tom hatte es 1971 entwickelt, während er Kontrapunkt-Parts auf Minimoog und Arp 2600 spielte. Ich selbst habe ein SEM zum ersten Mal als Bestandteil von Jan Hammers Setup zusammen mit einem Minimoog, Fender Rhodes Piano und einem Freeman String Synthesizer gesehen – auf der Bühne mit dem Mahavishnu Orchestra beim Mississippi River Festive in Illinois in den frühen 70ern.

Oberheim DS-2

Oberheim Digital Sequenzer DS-2 Bild: Tom Oberheim
Oberheim DS-2

Tom Oberheim’s DS-2 Sequenzer wiederholte Noten, die man auf einem CV-Keyboard spielte. Er hatte einen Speicher von 72 Noten, der in drei 24-Noten-Sequenzen, je eine 48– und eine 24-Noten-Sequenz oder eine Sequenz von bis zu 72 Noten geteilt werden konnte. Es bestand die Möglichkeit, die Sequenzen in drei verschiedene Tonarten zu transponieren (zusätzlich zur Originaltonart). Außerdem konnte man das Tempo von 16 Mal langsamer bis 16 Mal schneller als das Original einstellen und die Dauer zwischen den sequenzierten Noten zwischen einer 20stel Sekunde bis zu 8 Sekunden variieren.

Oberheim SEM Aufbau

Das Oberheim SEM ist ein Synthesizer-Modul mit zwei Oszillatoren, einem Multimode-Filter, das stufenlos von Tiefpass nach Notch nach Hochpass eingestellt oder auf Bandpass umgeschaltet werden kann. Anders als beim Minimoog oder dem ARP 2600 mit ihren Vierpol-Tiefpassfiltern ist das Filter des Oberheim SEM nur zweipolig, was zu einer flacheren Cutoff-Charakteristik führt. Außerdem erlaubt das Multimode-Filter klangliche Variationen. So war das Oberheim SEM eine gute Ergänzung eines Synthesizers mit einem Vierpol-Tiefpass.

Oberheim SEM und Polyphonie

Oberheim Two Voice, Foto: Gibson Guitar Corp.
Wie bei beim hier gezeigten originalen Oberheim Two Voice dargestellt, basierten frühe Oberheim Synthesizer auf dem SEM (Synthesizer Expander Modul). Der Two Voice, den Tom Oberheim im Juni 1975 auf der NAMM Show präsentierte, besitzt ein 37-Tasten-Keyboard, einen 8-Step Analog-Sequenzer sowie einen 2-Kanal-Mixer im Case mit Deckel.

Mitte der 70er begannen andere Synthesizer-Hersteller damit, polyphone Synthesizer auf den Markt zu bringen. Tom Oberheim sah sich zu dieser Zeit selbst nicht einmal als Synthesizer-Hersteller, erkannte jedoch, dass auch er aus mehreren SEMs einen polyphonen Synthesizer bauen konnte. Er lizensierte von E-mu das von Dave Rossum entwickelte, digital abgetastete Keyboard, baute Zwei- und Vierkanal-Mischer im Look des Oberheim SEM und rundete das Ganze mit einem Analog-Sequencer mit acht Schritten ab. Heraus kamen der Two Voice und der Four Voice, die er beide auf der Summer NAMM 1975 präsentierte. Der TVS und der FVS waren die ersten polyphonen Synthesizer mit je einer unabhängigen Synthesizer-Einheit pro Stimme. Mit einem separaten vierstimmigen Expander konnte man das Ganze sogar zum alles überragenden Oberheim „Eight Voice Synth“ erweitern.

Endlich abspeichern!

Oberheim Four Voice, Foto: Mark Vail
Der Oberheim Four Voice des Artikel-Autors ist ein Geschenk des San Francisco Bay Area Synthesisten Barry Gould vom Oktober 2014. Er benötigt dringend eine Generalüberholung und wird eines Tages wieder so funktionieren wie er soll.

Zu dieser Zeit kam auch die Nachfrage nach Speicherbarkeit von Synthesizern auf. Je mehr Synthesizer-Stimmen, desto komplexere Klänge lassen sich erzeugen, aber das Klangbasteln erfordert auch einiges an Zeit. 1976 bot Tom Oberheim deshalb den Programmer an, der sich im Four Voice und Eight Voice installieren ließ, und auf Knopfdruck Patches in jedem Oberheim SEM des Systems wechseln konnte. Zugegebenermaßen wurden nicht alle Parameter eines SEMs erfasst, aber es war immerhin ein Fortschritt.

Bevor er sein Unternehmen 1985 verlor, begleitete Tom Oberheim noch die Entwicklung so legendärer Synthesizer wie des OB-X, OB-1, Xpander und Matrix-12, sowie des „Oberheim Parallel Buss“ zur Synchronisation eines OB-X mit dem digitalen DSX Multitrack Sequencer und der DMX Drum Machine – immerhin der Vorläufer von MIDI. 1989 brachte er mit seiner Firma Marion Systems ein 16-Bit Upgrade für den 12-Bit Akai S-900 Sampler auf den Markt, dazu ein SCSI-Interface für die Akai MPC60 Music Workstation. Von 1998 bis 2002 war Tom Chef von Seasound, einem Hersteller von Audio-Interfaces für Computer.

Das neue Oberheim SEM

Tom Oberheim SEM Pro
Tom Oberheim präsentierte 2009 eine neue Version des Oberheim SEM in drei verschiedenen Versionen: eine mit MIDI-Input via eingebautem MIDI-to-CV-Converter, eine mit CV-Control via Klinken-Patchbay mit 33 Eingängen, die die internen Verdrahtungen überschreiben und den hier gezeigten SEM-Pro mit MIDI-to-CV converter and 21 3.5mm Patch-Punkten. (Foto: Tom Oberheim)

Für viele Synthesizer-Enthusiasten war Toms bemerkenswertester Beitrag im laufenden Jahrhundert die Einführung einer neuen Version des Oberheim SEM im Juni 2009 (www.tomoberheim.com). Zwar nicht identisch – da es einige Bauteile nicht mehr gibt – ist dieses Modul in vielen Aspekten dem Original sogar deutlich überlegen, auch was die Klangqualität angeht. Es gibt drei Versionen: Eine mit einer Patchbay, die 33 Klinkenbuchsen zum Umpatchen von Audio- und Spannungssteuerung bietet; eine zweite mit einem eingebauten MIDI-CV-Wandler; und letztlich ein dritte Version mit MIDI und 21 Klinkenbuchsen. Wie auch beim Original, sucht man vergeblich Speicherplätze. 2012 brachte Tom auch den Two Voice Pro mit einem brillanten neuen 16-Step-Sequencer heraus.

Zur selben Zeit veröffentlichte Arturia eine virtuelle Software-Version von Tom’s Original unter dem Namen „Oberheim SEM-V„.

Welchen Synthesizer also hat Joe Zawinul denn nun für die ersten sieben Noten von Birdland benutzt? Das Thema wird wohl weiterhin die Gemüter erhitzen …

(Übersetzung: Peter Gorges)

Teil 1: Am Anfang war der Moog
Teil 2: Frankenstein” und der ARP 2600
Teil 4: … und dann kam der Prophet
Teil 5: Digitales aus Down Under
Teil 6: Bahnbrechende Digitaltechnik aus Deutschland – der Waves 2.3
Teil 7: Lineare FM – der Yamaha DX7
Teil 8: Korg M1 – die Workstation überhaupt
Teil 9: Clavia Nord Lead – Die Rückkehr der Knöpfe
Teil 10: Modulare Synthesizer für das 21. Jahrhundert