Modularsysteme (Foto courtesy of Mark Vail)

Nach digitalen Varianten analoger Synthesizer Mitte der 90er erfuhr die analoge Klangerzeugung selbst eine Renaissance zu Beginn dieses Jahrhunderts. Begleiterscheinung dieses Comebacks ist etwas, das ich persönlich sehr begrüße: Modulare Synthesizer kommen wieder, und das mit aller Macht.

Der Schwerpunkt aller Aktivitäten im Bereich Modularsynthesizer liegt im Eurorack-Format, das von den meisten Herstellern unterstützt wird. Üblicherweise bestehen Eurorack-Systeme aus Modulen unterschiedlichster Hersteller, wie Dolly Parton’s “Coat of Many Colors” (übersetzt etwa Flickenmantel). Eurorack treibt überraschenderweise maßgebend die Entwicklung elektronischer Musiktechnologie voran.

Dieter Doepfer

Meiner Meinung nach ist das weltweite wieder entfachte Interesse an Modularsynthesizern vor allem einer Person zu verdanken: Dieter Doepfer. Der Gründer von Doepfer Musikelektronik (www.doepfer.de) führte das Eurorack-Format 1996 im Markt ein. Die Spezifikation existierte bereits, bevor er sie übernahm, und zwar als DIN-Norm 41494. Dieter wählte während den Standard aus, als er das A-100-System entwickelte, weil Spezifikationen wie Frontplatten-Abmessungen, Positionen der Bohrungen und Modultiefe schon vordefiniert waren. DIN 41494 wird in diversen nichtmusikalischen industriellen Zusammenhängen eingesetzt, beispielsweise als Steuerelektronik für Züge.

Als Dieter auf der Frankfurter Messe 1996 seine ersten Eurorack-Module ausstellen wollte, traf er bei seinen deutschen Händlern eher auf Skepsis. Sie bezweifelten, dass irgendjemand an dieser scheinbar veralteten Musiktechnologie noch interessiert sei.

Sie bestanden darauf, dass die Doepfer MIDI-Controller besonders auffällig am Stand positioniert wurden: Nur widerwillig gewährten sie Dieter etwas Standplatz im hinteren Bereich für die Modularsysteme. Vom Eröffnungstag an waren die Modularsynthesizer im hinteren Standbereich ständig umringt, während die Keyboard-Zone meist leer blieb. Und so begann das Eurorack-Format seinen Siegeszug.

Verschiedene Hersteller bieten vorkonfigurierte Systeme an, die sich laut Künstlern mehr wie ein komplettes Instrument anfühlen als "nur" verschiedene Systeme von verschiedenen Unternehmen. Das hier ist ein Make Noise Shared System auf der NAMM-Show 2015. Make Noise-Gründer Tony Rolando konfigurierte das originale Shared System für Synthesisten, die Musik für das Make Noise Records "Shared System Series"-Album komponierten. (Foto courtesy of Mark Vail)
Verschiedene Hersteller bieten vorkonfigurierte Systeme an. Diese fühlen sich laut Künstlern mehr wie ein komplettes Instrument an als „nur“ verschiedene Systeme von verschiedenen Unternehmen. Das hier ist ein Make Noise Shared System auf der NAMM-Show 2015. Make Noise-Gründer Tony Rolando konfigurierte das originale Shared System für Synthesisten, die Musik für das Make Noise Records „Shared System Series“-Album komponierten. (Foto courtesy of Mark Vail)

Eurorack-Format: „Insofern haben wir eben alle Glück“

In den Folgejahren begannen auch diverse andere Hersteller, Eurorack-Module anzubieten. Was denkt Dieter Doepfer über diese Newcomer? “Zuerst habe ich befürchtet, dass unsere Verkäufe einbrechen würden“, gibt er zu, „aber die Realität war genau andersherum. Wir sind nicht wirklich Wettbewerber. Jeder bietet Module an, die der andere nicht hat.

Wenn ich sehe, dass jemand eine bestimmte Funktion anbietet, werden wir sie nicht übernehmen – weil es in so einem kleinen Umfeld keinen Sinn macht, sich gegenseitig auf die Füße zu treten. Es viel besser zu sagen: ‚Ok, Du baust dieses Modul, Du baust das Modul, und wir machen halt die anderen.‘ Unsere Verkäufe stiegen an, als andere Firmen ihre eigenen Module herausbrachten. Insofern haben wir eben alle Glück.“

Für jeden etwas dabei

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Das Eurorack-Format is nur eines von über einem Dutzend modularer Formate, die in der Höhe vom winzigen Mattson Mini Modular bis zu den riesigen Modulen von Technosaurus, Roland 700, Wiard und CMS variieren. Dazwischen liegen die 5U-Module, die Bob Moog in den 60ern etablierte. Sie messen 8.75″, ihre Bezeichnung leitet sich vom professionellen Rack-Standard ab, in dem 1.75″ einer Einheit (Unit = 1U) entsprechen.

Daneben gibt es das 4U-Format des Buchla 200 and 200e und der Serge-Module, oder FracRak, das in der Höhe identisch mit Eurorack, ansonsten aber unterschiedlich ist. Viele dieser Formate werden immer noch hergestellt.

Im 5U-Bereich gibt es nicht nur zahlreiche, langjährige Hersteller — darunter Modcan (B Series), Synthesizers.com, Synthesis Technology/MOTM, COTK, Mos-Lab, Moon Modular, Oakley Sound Systems, Krisp1, Grove Audio, MegaOhm Audio, STG Soundlabs, Synthetic Sound Labs (SSL) und Cyndustries —Moog Music selbst kündigte Anfang 2015 eine Wiederkehr zu den legendären Moog Modularsystemen an. Die Palette reicht vom kleinen Model 15 über System 35 und 55 bis hin zum Nachbau von Keith Emersons Moog Modular (www.moogmusic.com/products/modulars).

Eine meiner Lieblingsquellen für aktuelle Informationen über Modularsysteme und –Formate ist Modular Grid.

Die größte Dynamik und Innovationskraft sehe ich persönlich im Eurorack-Format. Und obwohl es streng genommen nicht ein einziger Synthesizer ist, habe ich das Eurorack-Format doch als einen der „zehn wegweisendsten Synthesizer aller Zeiten“ ausgewählt.

Los geht’s, hier ist Teil 1: Am Anfang war der Moog
Teil 2: Frankenstein” und der ARP 2600
Teil 3: Pure Magie: “Birdland” und Oberheim SEM
Teil 4: … und dann kam der Prophet
Teil 5: Digitales aus Down Under
Teil 6: Bahnbrechende Digitaltechnik aus Deutschland – der Waves 2.3
Teil 7: Lineare FM – der Yamaha DX7
Teil 8: Korg M1 – die Workstation überhaupt
Teil 9: Clavia Nord Lead – Die Rückkehr der Knöpfe

(Übersetzung: Peter Gorges)