Wegweisende Synthesizer, Teil 9: Clavia Nord Lead (Foto: Hersteller)

Nicht genug, dass digitale Synthese die Vormachtstellung während der Achtziger und bis weit in die 90er hielt – zu dieser Zeit verschwanden auch Knöpfe und Schieberegler von der Bildfläche. Erst mit dem Clavia Nord Lead aus Schweden wandelte sich das wieder.

Die Popularität des Yamaha DX7 – der über verschachtelte Menüs bedient wurde – legte es Herstellern nahe, diesen Weg einzuschlagen, zumal Potentiometer und Schalter auch einfach ein Kostenfaktor waren.

Eine Anzeige in der Februar-Ausgabe 1995 des US-amerikanischen Keyboard-Magazines, wo ich seinerzeit Redakteur war, brachte mich zum Lachen. Der abgebildete rote Synthesizer sah geschmacklos und billig aus – und kam aus Schweden. Ich fragte mich, was eine Firma aus Schweden schon über die Konstruktion von Synthesizern wissen konnte? Nach ein paar Tagen kam der Karton mit besagtem Synthesizer zum Test, und mein Zynismus wandelte sich sehr schnell in Enthusiasmus.

So begegnete ich dem originalen Clavia Nord Lead, einem virtuell-analogen Synthesizer. Was mich vor allem umstimmte: Hier war ein Synthesizer mit vielen Knöpfen, der die analogen Sounds der Vergangenheit zurückbrachte – und das mitten in der Ära der glasig klingenden Knopfdruck-Synthesizer, die mit dem Yamaha DX7 1983 begonnen hatte. Hier war ein elektronisches Musikinstrument, zu dem ich einen Bezug hatte – wie seinerzeit mit dem Minimoog, dem Sequential Circuits Prophet-5 oder dem Oberheim Four Voice.

Clavia Nord Lead – Virtuelle Analogsynthese

Und doch gab es einen großen Unterschied zwischen dem „kleinen Roten“ und den glorreichen analogen Sauriern: Er erzeugte seine Sounds mit virtueller Analogsynthese. Der Nord Lead klang für mich analog, war jedoch vollständig digital. Und nicht genug damit, dass das Frontpanel nicht weniger als 26 Knöpfe und 48 LEDs zierten – der Clavia Nord Lead brachte auch neuartige Konzepte und Fähigkeiten mit. Zunächst einmal gab es nur ein Wheel, das sich rau anfühlte – fast wie aus Bimsstein. Das war ausschließlich für Modulation. Daneben saß der innovative „Pitch Stick“, der mich sofort überzeugte. Er bot einen gut ausbalancierten Widerstand und ließ sich perfekt bewegen, und zwar ohne „tote Zone“ – wie eine Gitarrensaite. Einfach nur wunderbar!

Den Nord Lead gab es auch als Rackversion.
Das Clavia Nord Lead gab es auch als Rackversion.

Clavia-Mitgründer Hans Nordelius erfand und patentierte den Pitch Stick, weshalb es ihn ausschließlich bei Nord-Instrumenten gibt. Die Idee stammte vom Minimoog Pitch-Wheel, das einen toten Mittenbereich hatte. “Wenn man ihn bewegt“, erklärt er, „verändert schon eine minimale Bewegung die Tonhöhe. Das fühlt sich einfach gut an. Der Pitch Stick verhält sich natürlich, wie das Ziehen an einer Gitarrensaite. Je mehr Druck man aufbaut, desto mehr „zieht“ man die Note. Ein Pitch-Wheel fühlt sich vergleichsweise unpräzise an.“

Während der Entwicklung testete er zunächst einen optischen Sensor, fand aber die Auflösung zu grob. Dann entdeckte er einen Dehnungs-Messstreigen aus dem Steuerstick schwedischer Kampfjets und fand dessen Haptik und Präzision perfekt für die angedachte Aufgabe.

Clavia Nord Lead – Slot-Buttons und das Morphing

Eine weitere Funktion des Clavia Nord Lead, die ich beim Live-Spielen schätze, sind die „Slot“-Buttons. Im Program-Mode kann man einen Slot aktivieren, eine Note halten, das Sustain-Pedal drücken und dann auf einen anderen Slot wechseln. Das erste Patch klingt weiter, und man kann mit dem Patch aus dem zweiten Slot Noten darüberlegen. Man kann auch zu einem noch klingenden Slot wieder zurückkehren und Volume, Filter oder Hüllkurven tweaken.

Außerdem gibt es Morphing. Damit können mehrere Parameter gleichzeitig durch Velocity oder Mod-Wheel beeinflusst werden. Auf diese Weise kann man zwischen zwei ähnlichen oder völlig unterschiedlichen Sounds hin- und herblenden. Und wer gerne mit einem weißen Blatt Papier beginnt, anstatt sich auf die gespeicherten Patches zu verlassen, aktiviert den „Manual“-Mode, womit alle Parameter auf die Einstellungen des Frontpanels gesetzt werden.

Clavia löste mit dem Nord Lead einen wahren Virtual-Analog-Boom aus. „Digitale Analogsynths“ von Access, Korg, Novation, Roland, Waldorf, Yamaha und anderen ließen nicht lange auf sich warten. Für mich aber ist Rot die Nummer Eins – und bleibt es auch.

Teil 1: Am Anfang war der Moog
Teil 2: Frankenstein” und der ARP 2600
Teil 3: Pure Magie: “Birdland” und Oberheim SEM
Teil 4: … und dann kam der Prophet
Teil 5: Digitales aus Down Under
Teil 6: Bahnbrechende Digitaltechnik aus Deutschland – der Waves 2.3
Teil 7: Lineare FM – der Yamaha DX7
Teil 8: Korg M1 – die Workstation überhaupt
Teil 10: Modulare Synthesizer für das 21. Jahrhundert

(Übersetzung: Peter Gorges)