Rock-Gitarre synthetisch erstellen – Gitarrensounds aus dem Synthesizer

Der Gitarrist muss nicht immer Gewehr bei Fuß stehen, wenn man gerade mal eine Gitarre braucht. Mit diesen vier Schritten bastelt ihr euch eure eigenen Gitarrensounds aus dem Synthesizer.

Als ich vor kurzem an einem Projekt arbeitete, brauchte ich ein paar Gitarrensounds, genauer ein Metal-Riff, um das Arrangement abzurunden. Wie das Schicksal es wollte, war mein „Standard“-Gitarrist auf Tour. Da ich aber eine Deadline hatte, musste ich die Gitarre per Hand erstellen – mit Synthesizern und Effekten.

Ich hätte natürlich eine Sample-Library nehmen können, aber ich bin ein Fan davon, Herausforderungen anzunehmen. Deswegen entschied ich mich lieber dazu, bei Null anzufangen und zu schauen, was möglich ist. Innerhalb weniger Stunden hatte ich doch erstaunlich überzeugende Parts, die perfekt in mein Projekt passten. Hier zeige ich, wie ich es gemacht habe:

Gitarrensounds aus dem Synthesizer – Schritt 1

Ich hätte natürlich auch eine mehrmals gesamplete Akustikgitarre nehmen können, aber um mir alle Möglichkeiten offen zu halten, fing ich mit einem analogen Synth an. Da eine vibrierende Gitarrensaite nicht „detuned“ ist (und detunen kann echtes Chaos erzeugen, wenn man einen Distortion-Effekt dazupackt), nahm ich einen Sägezahn-Patch, erzeugt von einem Oszillator. Je nachdem, welchen Sound man haben will, sind aber auch schmale Pulswellen eine gute Wahl.

Als ich das hatte, habe ich den Filter Cutoff auf 75% gestellt, und der Amount-Regler in der Hüllkurve wurde auf das Maximum gedreht. Der Amp Envelope bekam einen langen Decay und Release, um die open strings bei Powerchords zu simulieren. So sah das Ganze in Reason’s „Subtractor“ aus:

Einstellungen in Substractor für den Sägezahn-Patch. (Foto: KeyboardMag.com)
Schritt 1: Einstellungen in Substractor für den Sägezahn-Patch.

Gitarrensounds aus dem Synthesizer – Schritt 2

Um das Anschlagen eines Powerchords nachzubilden, hatte ich den Arpeggiator von Ableton Live genommen, weil dort die Rate in Millisekunden eingestellt werden kann. Für die Gitarrensounds stellte ich den Wert auf 30ms. Ich fügte noch das Chord-Plugin aus Ableton Live dazu und setzte ihn vor den Arpeggiator, um das Anschlagen noch einfacher zu machen. Eingestellt ist er auf die Tonische, die Quinte und die Oktave drüber. Wie Pete Townsend von The Who einmal sagte: „Alles außer die Quinte kann den Distortion-Effekt stören.“ – und ich werde Pete bestimmt nicht widersprechen.

Schritt 2: Arpeggiator mit vorgeschaltetem Chord. (Foto: KeyboardMag.com)
Schritt 2: Arpeggiator mit vorgeschaltetem Chord.

Gitarrensounds aus dem Synthesizer – Schritt 3

Wenn man sich die Sounds bis hierhin anhörte, konnte man sich nur schwer vorstellen, dass dieser Sound mal eine E-Gitarre ergeben sollte. Hier kamen die Effekte ins Spiel. Anstatt mich auf den Overdrive-Effekt meiner DAW oder ähnlichem zu verlassen, bediente ich mich bei Guitar Rig von Native Instruments, das unglaublich flexibel ist und wirklich brillante Presets hat. Gerade für solche Anwendungen sind diese super, und man muss sie gar nicht (oder nur geringfügig) weiter verändern. Für die Metal-Gitarre nahm ich das Preset „Carlos in Europe“.

Schritt 3: Arpeggiator mit vorgeschaltetem Chord. (Foto: KeyboardMag.com)
Schritt 3: Arpeggiator mit vorgeschaltetem Chord.

Gitarrensounds aus dem Synthesizer – Schritt 4

Lead-Sounds sind sogar noch einfacher, da man die Arpeggiator-Elemente komplett weglassen kann. Das Geheimnis ist hierbei, viel Platz zu lassen und mit weiten Intervallen und ein bisschen Pitchbending zu arbeiten. Für die Leadsounds nutzte ich das „Dyna Solo“-Preset in Guitar Rig. Der Synth-Patch war dabei derselbe, nur eben ohne den Arpeggiator und den Chord.

Schritt 4: Einstellungen in Guitar Rig für einen Leadsound (Foto: KeyboardMag.com)
Schritt 4: Einstellungen in Guitar Rig für einen Leadsound (Foto: KeyboardMag.com)

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