Prophet-6 im Test

Der Prophet-6 darf als legitimer Nachfolge der analogen Synthesizerlegende Prophet-5 bezeichnet werden. Und nicht nur der Preis macht den Prophet-6 dazu!

Den Prophet-5 wollte eigentlich damals jeder haben, aber nicht alle konnten sich ihn leisten: Damals betrug der Preis stolze 13.000 DM. Und auch fast 40 Jahre später siedelt sich der Prophet-6, der erstmals auf der NAMM 2015 gezeigt wurde, mit rund Euro 2800,- in der Hochpreis-Sektion an. Heutzutage ist das schon ein Preis, der es in sich hat – aber der Prophet-6 bietet dafür auch wirklich etwas.

Ist der Prophet-6 wirklich analog oder tut er nur so, werden viele Synthesizer-Puristen fragen? Die Antwort: Der Prophet-6 ist absolut analog und arbeitet mit VCOs. Aber dazu später mehr. Wer mehr über den Dave Smith, Sequential Circuits, den Prophet-5 und DSI erfahren möchte, sollte sich unbedingt unser Feature dazu ansehen!

Prophet-5 rev-3 (Foto: Courtesy of Richard Lawson, RL Music)
Zum Vergleich ein Blick auf den „alten“ Prophet-5 Rev 3. Auffallend ist die reduzierte Anzahl an Reglern und LED-Displays, die größere Bedienoberfläche und die Tastatur mit 5 Oktaven (im Gegensatz zu den 49 Tasten beim Prophet-6). Keyboarder, die vom Klavier kommen, werden die eine Oktave vermissen. Dies wird aber durch die höhere Transportfähigkeit wettgemacht (Foto: Courtesy of Richard Lawson, RL Music)

Der Sequential Circuits Prophet-6

DSI stellt mit dem Prophet-6 nicht nur eine völlig überarbeitete Version der programmierbaren Synthesizerlegende Prophet-5 vor, nein, der Prophet-6 darf auch wieder den Namen der Originalfirma Sequential Circuits tragen. Dies verdankt er dem Roland-Gründer Kakehashi, der Yamaha davon überzeugt hat, Dave Smith den Namen zurückzugeben.

Fangen wir mit einer kurzen Zusammenfassung an, was der Prophet-6 dem alten Modell voraus hat:

Ers verfügt über 6-stimmige Polyphonie, hat also eine Stimme mehr als der Prophet-5. Dazu kommen zwei Filter, Lowpass und Highpass, zwei programmierbare Effektprozessoren, einen Sub-Oktave-Oszillator, einen Arpeggiator, einen Step-Sequenzer, Anschlagdynamik und Aftertouch, einen programmierbaren analogen Verzerrer, verschiedenen Kontrollmöglichkeiten, wie z.B. Panorama für die Stereo-Ausgänge und verschiedenen (14) Micro-Stimmungen, wie z.B. Wendy Carlos Stimmung mit 19 und 31 Tönen pro Oktave.

Was müssen wir über den Prophet-6 wissen?

Wie beim Prophet „aus dem vorigen Jahrhundert“ sind die Bedienelemente logisch auf dem Bedienfeld verteilt. Er verfügt über mehr Möglichkeiten zur Einflussnahme, obwohl der Prophet-6 kleiner ist (49 statt 61 Tasten).

Prophet-5 und Prophet-6 verfügen beiden über zwei VCOs pro Stimme, einem LFO, separate ADSR-Hüllkurven für Filter und VCA, zuweisbare Poly Modulation und eine Unisono-Funktion, um Stimmen übereinander zu legen. Dabei hat man entweder 12 VCOs auf einer Stimme oder kann Akkorde speichern und diese dann mit einer Taste abrufen. Neben dem Lowpass-Filter verfügt der Prophet-6 über einen Highpass-Filter. Ansonsten finden wir die üblichen Funktionen: Cutoff, Resonance, Hüllkurve positiv/negativ und Einflussnahme der Velocity auf den Filter.

Auf der Frontfläche finden wir 6 dreistellige LED-Displays, das größte davon gibt u.a. die Programmnummer an. Das Display in der Clock-Sektion zeigt die Geschwindigkeit des Sequenzers, Arpeggiators oder des Delay in BPM. Natürlich sendet und verarbeitet der Prophet-6 auch MIDI-Clock, was man auch deaktivieren kann.

Verändert man einen Sound, so bietet der Prophet-6 drei verschiedene Möglichkeiten an:

Mit Jump reagiert das Instrument auf die aktuell eingestellten Werte, mit Passthru holt man den Wert an der eingestellten Stelle ab und mit Relative addiert man quasi den Regelweg zum bestehenden Wert dazu.

Natürlich kann man einen veränderten Sound mit dem Original vergleichen, bevor man ihn speichert.

Prophet-6 Klangbeispiel 1

Die Speicherplätze des Prophet-6

Ein großer Fortschritt im Vergleich zum Prophet-5 ist die Anzahl der Speicherplätze. Hatte die erste 5er Version nur 40 davon, so wuchs der Speicher in einer späteren Revision auf 120 Plätze an (plus Kassetten-Interface). Ganz anders beim Prophet-6: Hier gibt es 1000 Sounds, zusammengesetzt aus 500 User-Presets und 500 Factory-Presets. Leider muss man sich die Sounds anhand der Patch-Nummer merken, einen Namen in Klarschrift kann man nicht vergeben – das ist nicht unbedingt zeitgemäß.

Sequential Circuits Prophet-6 (Foto: Courtesy of Dave Smith Instruments)
Der Prophet-6 hat eine Menge Vorzüge: Eine übersichtliche Bedienoberfläche, eine exzellente Tastatur, ein schönes Design mit hölzernen Seitenteilen und eine gute Transportabilität. Das verbunden mit einem fantastischen Analogsound, brauchbaren Effekten und tollen Performance-Möglichkeiten ergibt einen sensationellen Synthesizer der Spitzenklasse. (Foto: Courtesy of Dave Smith Instruments)

Tatsächlich analog, der Prophet-6

Wie in der Einführung beschrieben, ist der Prophet-6 analog.

Aber trotzdem ist er absolut stimmstabil, wobei man ihm nach dem Einschalten ein paar Minuten Zeit geben sollte. Aber wer auf Instabilität der Oszillatoren abfährt, der kann sich diesen „Effekt“ mit dem Slop Amount-Regler „geben“. Das Ergebnis klingt dann schaurig-schön.

Die VCOs bieten die erwarteten Wellenformen: Dreieck, Sägezahn und Pulse mit variabler Pulsbreite  plus Waveshaping, was einen fließenden Übergang einer Wellenform in die anderen ermöglicht. Die VCOS lassen sich in Halbtonschritten verändern und auch in Schwebungen zueinander stimmen. Interessant ist, aus VCO2 einen weiteren LFO zu machen. Fehlt noch die Erwähnung von Noise und Sub-Oszillator (Dreieck).

Prophet-6 Klangbeispiel 2

Der LFO des Prophet-6

Die LFO-Sektion zeigt die erwarteten Möglichkeiten: 5 Wellenfomen plus White Noise und eine Auswahl als Modulationsadressen, gesteuert über das Modulationsrad. Der LFO lässt sich mit der internen Clock oder einer externen MIDI Clock synchronisieren. Alles da, was man braucht.

Die Filtersektion des Prophet-6

Wie bereits erwähnt, verfügt der Prophet-6 über einen Hoch- (12 dB/Octave) und einen Tiefpassfilter (24 dB/Octave), jeweils mit regelbarem Cutoff und Resonance. Natürlich lässt sich der Filter in Eigenschwingung versetzen. Beide Bereiche reagieren unabhängig auf die Hüllkurven (positiv/negativ) und auf das Keyboard-Tracking. Verwendet man beide Filter gleichzeitig, dann entsteht ein Bandpassfilter, was die klanglichen Möglichkeiten des Prophet-6 weiter erhöht.

Poly Modulation beim Prophet-6

Synthesizer-Veteranen werden sich an die Poly Mode-Sektion des Prophet-5 erinnern. Dabei können Signale von der Filterhüllkurve und vom VCO 2 verwendet werden, um die Frequenz von VCO1, die Pulsbreite und die Cutoff Frequency des Filters zu modulieren. Damals wurde dieser Effekt schon fast überstrapaziert, um diese Prophet-typischen Sweep-Sounds zu erzeugen.

Der Prophet-6 bietet auch die Poly Modulation, die aber noch ein paar Schritte weitergeht. Nun lassen sich auch die Waveshape-Funktion von VCO1 und der Hochpassfilter modulieren. Damit lassen sich komplexe harmonische Strukturen bis hin zu FM-Sounds, metallische Sounds und Akkorde, die ihre Tonhöhe suchen, generieren. Dazu lässt sich per Poly Mode auch die Arbeitsweise der Hüllkurven modulieren. Da kommen teilweise ganz verrückte Sachen heraus.

Die Effektsektion des Prophet-6

Der Prophet-6 bietet zwei digitale Effektprozessoren. Beide bieten Delays (die aber leider nur bis zu einer Sekunde gehen), Chorus und zwei verschiedene Phase-Shiftings. Die Effekte sind synchronisierbar. Zusätzlich verfügt der Effektprozessor B über vier Hallsorten: Hall, Room, Plate und Spring.

Einen Gag hat sich Dave Smith bei der Spiralhall-Simulation einfallen lassen. Ist der Effekt weit genug aufgedreht und haut man auf eine der beiden Seitenteile des Propeht-6, dann scheppert der Hall, wie man es von einem analogen Spiralhall her kennt. Dave Smith nennt dies „Spring Reverb Easter Egg“ – witzig!

Prophet-6 Klangbeispiel 3 Spring Reverb Easter Egg

Schaltet man die Effekte aus, dann arbeitet der Synthi im True-Bypass-Modus und bleibt im analogen Signalweg.

Die Qualität der Effekte ist gut, natürlich können separate Effektgeräte viel mehr, aber es ist wunderbar, Effekte je Patch mit abspeichern zu können.

Dann gilt es noch einen unscheinbaren Knopf am Prophet-6 zu erwähnen, der manchen in Verzückung versetzen wird: „Distortion“. Damit lässt sich eine leichte Verzerrung bis hin zu extremen Zerr-Sounds realisieren. Es ist toll, einen analogen Verzerrer, der zudem programmierbar ist, mit an Bord zu haben.

Der Arpeggiator/Sequenzer des Prophet-6

Ein Arpeggiator macht eigentlich immer Spaß und er kann wirklich sehr hilfreich sein, auch in einer Live-Situation. Und der Arpeggiator im Prophet-6 arbeitet wirklich toll. Alle Varianten sind möglich: Aufwärts, abwärts, aufwärts/abwärts etc. Mit der Hold-Taste läuft das Arpeggio so lange durch, bis man es deaktiviert – oder einen neuen Programmplatz wählt.

Prophet-6 Klangbeispiel 4


Der integrierte Sequenzer ist kein Recording-Tool, denn der Prophet-6 ist keine Workstation. Es ist eher ein Looper mit maximal 64 Steps. Dieser kann aber in Verbindung mit einem Fußschalter ganz witzige Effekte erzeugen. Denn man kann damit zwar auch den Sequenzer starten und stoppen, aber es besteht auch die Möglichkeit, diesen durch eine externe Audioquelle (z.B. Drumcomputer) zu triggern.

Unverständlich ist nur, dass die Daten nicht als MIDI Note Data rausgegeben werden.

Prophet-6: Rückseite mit Anschlüssen
Von links nach rechts: Ein/Ausschalter, USB, MIDI in, out, thru, Klinkeneingänge für Fußschalter Sequenzer und Sustain, Klinkeneingänge für Pedale Lautstärke und Filter Cutoff, Stereoausgänge und Kopfhörerausgang.

Tastatur und Anschlüsse des Prophet-6

Der Prophet-6 verfügt über MIDI in/out/thru, USB/MIDI zum Anschluss an eine DAW, Stereo/Mono-Out, Kopfhörer sowie Anschlüsse für bis zu vier Fußschalter/pedale: Sequence, Sustain, Volume und LP Filter. Die Tastatur verfügt über 49 Tasten, ist anschlagdynamisch und verarbeitet Aftertouch. Wie bei einem Instrument dieser Preisklasse zu erwarten, ist die Tastatur außerordentlich angenehm spielbar. Manche werden die fehlende Oktave im Vergleich zum Prophet-5 (49 Tasten zu 61 Tasten) vermissen, dafür lässt sich der Prophet-6 aber eben auch leichter transportieren.

Prophet-6 Klangbeispiel 5

Dominic Milanos Abyss Repeat ist einer von 370 Sounds, die von der “berüchtigten“ OMOM-Gruppe programmiert wurden. Diese Sounds können kostenlos bei http://davesmithinstruments.com/omom-sound-set-for-prophet-6 heruntergeladen werden.

Der Prophet-6 in der Praxis

Prophet-6 mit Eurorack während einer Jamsession. Foto: Mark Vail
Das Synth Set-up von Autor Mark Vail während des Tests und der Jam Session mit 5 anderen Musikern: (über dem Prophet-6 von links nach rechts) Roger LinnDesign AndrenaLinn Effekt Pedal/Drum Machine und Arturia BeatStep Sequenzer/Pad Controller. Die tragbare Eurorack Bento Box enthält 19 Eurorack Module von Circuit Abbey, Division 6, Doepfer, 4ms Pedals, Intellijel Designs, Laurentide Synthworks, Make Noise, Pittsburgh Modular, Qu-Bit, Snazzy FX, Sound Machines, Synthesis Technology und TipTop Audio. Foto: Mark Vail.

Ich nahm den Prophet-6 bei verschiedenen Gelegenheiten mit zu einer Jam Session. Der Prophet-6 war immer herauszuhören, aber nicht etwa aufdringlich. Er hat einen eigenständigen Klangcharakter. Einer der Musiker besaß noch einen alten Prophet-5 REV 3 und er machte einen Vergleichstest. Fazit: Er will sich jetzt unbedingt einen Prophet-6 zulegen, weil er auch noch vielmehr klangliche Möglichkeiten hat als das alte Modell. Und das Stereobild des Prophet-6 ist nur zum Niederknien!

Wie bewertet man den Prophet-6?

Wer einen solide gefertigten, toll anmutenden, programmierbaren, intuitiv zu bedienenden, phantastisch klingenden, analogen Stereo-Synthesizer sucht, dessen Klang auch noch in der Zukunft Bestand haben wird, der hat ihn mit dem Prophet-6 gefunden.

Nein, er ist mono-timbral, es ist keine Workstation, es ist kein Sample-Player und ja, er hat „nur“ 6 Stimmen. Aber der Prophet-6 ist ein fantastisches Instrument, das Spaß macht und einfach inspirierend ist, jetzt und in der Zukunft. Einzigartig.