Mellotron Micro im Test
Mellotron Micro im Test

Das Mellotron gehört sicherlich zu den Legenden der Musikszene. Um 1963 in England entwickelt, liest sich die Liste der Anwender wie das „Who is Who“ der erfolgreichsten Bands der 70er- und 80er-Jahre:

Beatles (Strawberry Fields For Ever), Genesis, Pink Floyd, Orchestral Maneuvers in the Dark, Elton John, Moody Blues und viele, viele mehr nutzten das Mellotron. Noch etwas früher (50er-Jahre) entwickelte Harry Chamberlain in den USA ebenfalls ein Instrument, das auf einer ähnlichen Technologie basierte.

Einfach formuliert waren das Mellotron und das Chamberlain die ersten Sampler der Musikgeschichte. Dabei wurden die Klänge aber nicht digitalisiert, sondern auf Tonbändern aufgezeichnet. Jeder Taste des Mellotrons bzw. Chamberlains war dann ein Band zugeordnet, das bei Tastendruck an einem Tonkopf vorbeigeführt wurde.

Dies war technisch aufwendig wie anfällig. Die Bänder nutzten sich ab, Töne, die man öfter spielte klangen irgendwann dumpfer als andere. Beim Soundwechsel musste man den ganzen Rahmen auswechseln, und, und, und. Und: Das Mellotron kostete ein Vermögen und war nicht für jedermann erschwinglich.

Aber es war damals die einzige Möglichkeit, Klänge wie Streicher, Bläser, Stimmen mit einem Tasteninstrument zu erzeugen. Wer sich für Details interessiert, der lese den Artikel aus Synthesizer von Gestern von Matthias Becker.

Mellotron im „Hier und Jetzt“

Schon seit geraumer Zeit gibt es natürlich digitale Versionen des Mellotrons. Dabei wurden die „alten“ Originalbänder digitalisiert. Anschauen wollen wir uns heute mal den kleinsten Vertreter der Reihe, das Mellotron Micro.

Schon beim Auspacken war ich positiv überrascht. Kaum größer als ein Yamaha Reface macht es trotzdem einen sehr wertigen Eindruck. Da wäre die gesamte Optik zu nennen, das kleine Instrument wirkt und sieht aus wie ein Mellotron. Das hat sicher auch mit der weißen Farbe zu tun, aber auch die wenigen Bedienelemente auf der rechten Seite sind sehr stark an das Original angelehnt. Das stabile Metallgehäuse tut ein Übriges.

Schaltet man das Instrument ein, dann leuchtete das Große „M“ auf der Rückseite. Ein schöner Effekt.

Mellotron Micro Rückseite
Mellotron Micro – Das M leuchtet!

Im Gegensatz zu vielen Instrumenten dieser Größe setzt man bei Mellotron auf Tasten in Normalgröße. Dafür sind es dann aber auch nur zwei Oktaven Tonumfang. Mir reicht dies aus, da man die Mellotronsounds selten wirklich mit beiden Händen spielt. Ansonsten kann man das Mellotron Micro auch über MIDI ansteuern.

Mittels eines Kippschalters kann man übrigens das Mellotron Micro um eine Oktave nach oben oder unten transponieren. Dabei kann es passieren, dass man im tiefen Bereich erst Töne ab dem „F“ zur Verfügung stehen, da es halt keine tieferen „Samples“ gegeben hat. Also nicht wundern, wenn dann bei mancher Taste kein Ton zu hören ist.

Die Bedienelemente des Mellotron Micro

Ganz klar, das Mellotron Micro ist ein Presetkeyboard (im Netz wird es auch oft fälschlicherweise als Synthesizer bezeichnet, was es definitiv nicht ist). Eigentlich ist es ein Sample-Player, wobei man gemäß Herstellerangaben die Original-Mellotron-Bänder gesampelt hat (24 Bit unkomprimiert).

Insgesamt stehen rund 100 Klangfarben zur Verfügung, teils vom Mellotron, teils von Chamberlain. Darunter alles, was man an den Originalen schätzt: Streicher, Chöre, Bläser, Klavier, Akustik-Gitarre und auch diverse Orgeln, wobei letztere manchmal gewöhnungsbedürftig sind (da sind auch richtige „Schweineorgelsounds“ dabei).

Im Gegensatz zu den größeren Mellotronversionen lassen sich keine weiteren Sounds über SD-Karten o.ä. hinzuladen. Eine Klangbearbeitung gibt es eigentlich nicht, sieht man von dem Höhenregler einmal ab, der aber gute Dienste leistet.

Das Instrument kann zwei Klänge gleichzeitig erzeugen, diese ruft man über zwei Drehregler ab, während zwei sehr gute, farbige und beleuchtete OLED-Displays Auskunft über die Klangfarben geben. Die Liste der Sounds ist in beiden „Kanälen“ identisch.

Mellotron Micro OLED-Displays
2 farbige und beleuchtete OLED-Displaysgeben Auskunft über die Klangfarben.

Entweder man liest und sieht anhand einer Grafik, von welchem Instrument/welcher Version der aktuelle Sound stammt, oder man ruft eine Soundliste ab, die das Suchen deutlich erleichtert. Die Balance zwischen den beiden Klängen wird mittels eine Potis geregelt, abspeichern lässt sich dies nicht.

Schade finde ich, dass man auf Ausgangsseite nur ein Master-Output (mono) hat, so dass man die zwei Sounds nicht separat abnehmen kann (um z.B. auf Mischerseite noch Effekte hinzuzufügen). Dieses Feature bleibt dann den größeren und teureren Versionen vorbehalten. Abgerundet werden die Bedienelemente mit einem Pitchregler, mit dem man die Gesamtstimmung um +/- eine Quinte verändern kann.

Mellotron Micro Test – Die Tastatur

Wie gesagt, 25 Töne Umfang (C-C), normale Qualität und sogar anschlagdynamisch (Velocity). Sie reicht aus, um das Instrument spielen zu können. Wem das nicht ausreicht, und wer nicht den Oktavschalter verwenden möchte, der kann das Mellotron Micro auch via MIDI ansteuern (MIDI in/out/thru sind auf der Rückseite vorhanden). Gleiches gilt für ein Sustain Pedal

Mellotron Micro Anschlüsse
Mellotron Micro: MIDI in, out & thru plus Audio-Anschlüsse auf der Rückseite

Mellotron Micro Test – Die Sounds

Das Mellotron gehört zu den wenigen Instrumente mit einem unverwechselbaren Klangcharakter. Egal ob Streicher, Chöre, Bläser etc., man hört immer raus, dass es ein Mellotron-Sound ist. Manche bezeichnen die Mellotron-Klänge auch immer als etwas wehmütig und melancholisch. Da ist auch irgendwie etwas dran.

Vielleicht liegt es auch daran, dass diese oft bei Balladen zum Einsatz kamen. Egal, welchen Sound man wählt, es klingt immer authentisch, aber auch immer speziell. Und das ist als Kompliment gemeint. Manche Sounds haben den nostalgischen Charme eines „Schwarzweißfilms“, immer etwas „unperfekt“ aber faszinierend, und das macht sie so interessant.

Mellotron Micro Klangbeispiele (8 Files in Playlist!)

Es gibt ohne Zweifel heute „bessere“ Streichersounds oder Chöre, es ist nur die Frage, ob sie auch diesen eigenen Charakter, dieses Flair haben. Ich persönlich mag sogar die Pianosounds, obwohl diese wenig mit einem richtigen Pianosound zu tun haben, aber sie haben etwas Eigenes. Und wenn man dann tiefe Streichersounds spielt, dann kommt da so eine Menge an Druck rüber, wie man es selten gehört hat.

Man muss das mögen, jedermanns Geschmack wird das nicht sein. Manchmal ist es sogar ratsam, einen Song, ein Arrangement um den Melltronsound herum zu bauen, um diesen wirken zu lassen. Etwas „hinderlich“ können die nicht veränderbaren Attacküphasen sein, die manchmal schnelle Läufe erschweren. Manchmal müsste man eigentlich gefühlt vor dem Beat spielen, um durch die Attackphase nicht „hinterher zu hinken,“

Ich finde die überwiegende Zahl der Sounds des Mellotron Micro wirklich toll, wie gesagt, einige Orgeln treffen nicht meinen Geschmack. Aber sobald die Chöre, Streicher und auch Bläser (Flute, Sax) kommen, geht (für mich) die Sonne auf.

Die Umsetzung der Originalklänge ist wirklich hervorragend gelungen. Konstruktionsbedingt endete beim Original das Band nach 8 Sekunden (etwas abrupt), dies ist bei der digitalen Version ebenso der Fall. Hie vermisst man vielleicht den Hüllkurvengenerator. Wer ein Modulsystem zur Verfügung hat, der kann den Mellotronsound ja über dessen Signalweg noch verändern.

Mellotron Micro Test – Fazit

Sicher man kann geteilter Meinung sein, ob ein Preset-Sampler mit 100 Sounds ein Tausender Wert ist? Ich meine ja, wenn man diesen speziellen Klangcharakter mag. Lieber einen geilen Sound als 1000 „so lala-Klänge.“ Für manche besteht hier Suchtgefahr, wenn man einfach mal mit dem kleinen Teil rumspielt. Andere werden meine Begeisterung nicht teilen können und werden mit den Ecken und Kanten, die die Sounds haben, hadern

Und mit dem Mellotron Micro gibt es nun eine halbwegs erschwingliche Version, die für viele Mellotron-Freunde (und solche die es werden wollen) eine Empfehlung ist. Wie gesagt, es gibt nicht viele Instrumente mit solch eigenem Klangcharakter. Und der Sound ist immer noch ein Stück Musikgeschichte.

Streetpreis: 999,– Euro