Wieso denkst du, dass solche Controller sich bisher noch nicht großflächig durchgesetzt haben?

Eine der Herausfordungen, besonders für einen Keyboarder, ist das Spielen eines simplen Akkords. Es wird ziemlich schwierig, wenn man darüber nachdenkt, die richtigen Noten zu spielen, während man auf dieser Taste härter drückt und mit einer anderen slidet. Aber wir müssen die Denkweise dahingehend verändern, dass es normal ist. Ich glaube dass es wichtig ist, dass das Seaboard die Form eines normalen Keyboards behält, denn so ist es nachvollziehbarer.

Es gab auch vorher einige sehr ausdrucksstarke Ideen, aber die Interfaces waren so unorthodox, dass sie nur den echten Enthusiasten gefallen haben – Leuten wie mir. Aber ich glaube, das Seaboard könnte auch einem, sagen wir, Violinisten gefallen, der auch ein Arranger/Komponist ist, der etwas vor einer Show hinkriegen muss, und plötzlich realisiert „Hey, ich kann ja auch Vibrato hinzufügen – nur durch meinen Finger.“ Für den Keyboarder, der an der Unabhängigkeit seiner Finger trainieren will, kann es einen sehr großen Unterschied bedeuten.

Man muss sich nur die Evolution der Gitarre anschauen. Als Hendrix oder Clapton sie so richtig populär machten, dachte keiner daran, wie ein Steve Vai oder John Petrucci sie heute spielen kann. Ich würde gerne sehen, wie ein Seaboard oder ein ähnliches Gerät das für den Bereich Keyboards macht.

Jordan Rudess Interview – Rudess demonstriert das ROLI Seaboard:

Jordan Rudess Interview – „Nicht wirklich eine Hammond-Band“

Lass uns über weitere Songs reden. „Three Days“ ist lyrisch ein eher düsterer Song. Wieso ein Saloon-artiges Honky Tunk-Shuffle-Piano in der Mitte?

Die Dinge können in der Prog Rock-Welt recht ernst, akademisch und barock werden. Deswegen suchen wir immer Momente, wo wir etwas Lustiges machen können, die die Menschen zum Lächeln bringen. Zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte sieht es nicht gut aus, die Dinge sind trostlos, also schien es eine gute Zeit zu sein, das dagegen zu stellen. Auch später gibt es einen Art Dixieland-Part, dass ich auf einem Virtual Instrument skizzierte und an David Campbell schickte. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie John und ich stilistisch etwas detaillierter als sonst arbeiteten, und etwas Neues dabei lernten.

Die Hammond ist eine feste Größe im Prog-Bereich, aber auf dem Album hört man sie selten. Umso mehr sticht sie dann in „The X Aspect“ heraus.

Als jemand, der vom klassischen Piano auf der Juilliard hin zu Rick Wakeman und Keith Emerson kam, habe ich immer mehr auf die Synthesizer geachtet als auf die Orgeln. Mein erstes Instrument neben dem Piano war ein Minimoog. Früher nutzte ich immer den Orgel-Sound von meinem Main-Synthesizer – es gab Orgel-Parts in Dream Theater-Songs, und wir haben auch mal das komplette „Made In Japan“-Album von Deep Purple gecovert – aber wir waren und sind nicht wirklich eine „Hammond-Band“.

Für dieses Album wollten wir ja alles in echt machen, aber ich war mir nicht sicher, was eine Orgel bringen würde. In diesem einen Studio gab es eine tolle Hammond B-3 und einen ausgezeichneten Leslie. Das Ding vor allem verdammt laut! Es brüllte richtig und ließ deine Knochen wackeln. [macht einen brüllenden Sound]

Ich dachte „Also DAS fühlen Gitarristen also!“ Besonders wenn man Techniken wie einen Palm Wipe macht, das kann man nicht mit einem Synthesizer hinkriegen. Besonders die kleinen Inkosistenzen machen den Sound. Ich bin sehr stolz auf die Orgel-Sounds, die ich über die Jahre programmiert habe, deswegen hasse ich es zuzugeben, aber: das echte Ding ist sehr, sehr cool.

Der schnelle Portamento-Synth-Part auf „The Walking Shadow“ ist schon Zappa-ähnlich. Was war die Inspiration dafür?

Das ist ein weiteres tolles Beispiel für die seltsamen Dinge, die passieren, wenn John und ich die Freiheit haben, etwas skurril zu sein. Das Lustige ist, es ist gegen diesen heavy Metallica-ähnlichen Riff gespielt. Der Sound kommt vom Korg Kronos. Als eine Prog-Band verweisen wir oft auf die 70er, deswegen war ein solcher Part perfekt.

Hast du sonst irgendwelche Lieblings-Parts auf dem Album, die wir noch nicht diskutiert haben?

Es gibt einen schönen Part am Ende der ersten Single, die wir veröffentlicht haben, „The Gift of Music“. Es ist recht fröhlich und startete mit einem Part, den meine Bandkollegen als Dregs-ähnlich ansahen. Ich schrieb es auf, weil ich dachte, dass es cool wäre, eine Linie dagegen zu spielen. John schrieb dann einen anderen Part, den man im anderen Lautsprecher hört, dachte aber, dass das Endergebnis zu skurril wäre. Ich überzeugte die anderen aber, es drin zu lassen, und da bin ich froh drüber!

Jordan Rudess Interview: Das offizielle Video zu „The Gift of Music“:

Jordan Rudess Interview – Die Debatte um das Wort „Prog“

Es gibt eine Debatte im Jazz-Bereich, die vielleicht eine Parallele in der Prog-Welt haben könnte. Ein Gedankengang besagt, dass Jazz immer straight und auf bebop ausgelegt sein sollte. Andere Sagen, dass man stets neue Sachen ausprobieren sollte – praktisch die Definition von „progressive“.

Das ist ein sehr großes Thema, und ich rede oft darüber. Was bedeutet Progressive Rock? Für viele bedeutet es, Sachen aus den 70ern nachzuahmen: Yes, Genesis, Pink Floyd, ELP, King Crimson. Ich glaube, das Wort entstand, weil die Leute damals wirklich Grenzen sprengten, sie nutzten die Energie des Rock, aber die Rhythmen und Harmonien von vielen anderen Bereichen.

Ich glaube, wir stehen momentan so, dass wir in diesem „Zustand“ sind, aber ständig nach weiteren musikalischen Eindrücken suchen, die man einbringen kann. Das kann bedeuten, dass Bands – auch Dream Theater – manchmal retro klingen und Verweise machen, nicht unähnlich wie moderne Jazz-Musiker. Jeder unserer Fans kennt Yes und Genesis, und wir können in dieser „Sprache“ reden und sie als Kommunikationsmittel einsetzen.

Wir können aber auch andere, wirklich „progressive“ Ideen anwenden, zum Beispiel Ambient Electronic-Ideen einfließen lassen oder Instrumente wie die GeoShred-App oder das Seaboard benutzen; Dinge, die die Leute noch nicht kennen. Das ist für mich wirklich aufregend.

Für meine Solomusik und Projekte mit anderen Gruppen wie Liquid Tension Experiment gucke ich immer nach solchen Dingen, und das sind mitunter auch Sachen, die nicht in den Dream Theater-Kontext passen würden. So kann ich also auch in dieser Hinsicht progressiv sein, und wenn andere Musiker zu mir in mein Studio kommen, dann gibt es manchmal wilde Sound-Parties ohne Grenzen!

Jordan Rudess Interview – Das Soloalbum „The Unforgotten Path“

Jordan Rudess Interview: Das Albumcover zu "The Unforgotten Path"
Jordan Rudess Interview: Das Albumcover zu „The Unforgotten Path“

Bei ihm zuhause auf seinem geliebten Steinway D aufgenommen, ist Rudess‘ neues Soloalbum eine Mischung aus wunderschönen Piano-Arrangements von neuen Songs und einem vielseiten Cover-Mix. „Wenn ich an einem Piano saß, habe ich diese Stücke irgendwann einfach immer wieder gespielt“, erklärt Rudess. „Aber ich habe nie meine eigenen Versionen davon aufgenommen, und bevor es mit Dream Theater wieder verrückt wurde, hatte ich letzten August etwas Zeit.

Mein Freund John Guth war bei mir, der diese ganzen tollen Mikrofonen besitzt und mit ihnen umzugehen weiß. Dann musste ich nur noch die Songs auswählen. Sie sind eine Kombination aus den Prog Rock-Melodien, die ich liebe, zum Beispiel King Crimson’s „Moonchild“ oder sogar „Grandchester Meadow“ von Pink Floyd. Es gibt auch Beatles-Songs wie „Here, There and Everywhere“ und sogar Sondheim’s „Send In The Clowns“, was eine so wunderschöne Melodie hat.

Die eigens komponierten Stücke umfassen „For Japan“, dass ich nach dem Tsunami und Erdbeben 2011 schrieb, und „Tribute to Jobs“, dass ich zuerst auf dem MorphWiz schrieb, nachdem Steve Jobs starb. Sosehr ich Synthesizer liebe, wenn ich mein Piano spiele, bin ich emotional zuhause.“

© Keyboard Magazine 03/2016, courtesy of NewBay Media, 2016