Jean-Michel Jarre Interview – Digitales Equipment

Wie lief der Aufnahmeprozess ab?

Ich war lange Zeit ein Pro-Tools-Typ und habe dieses Projekt mit Pro Tools begonnen, aber ich habe mich radikal in Richtung Ableton Live umorientiert und damit das ganze Projekt abgeschlossen. In der Vergangenheit war Ableton eher für DJing geeignet, aber mit Live 9 ist plötzlich alles so einfach und so gut.

Ich habe einen Vergleichstest durchgeführt, indem ich mit Pro Tools gebouncet habe und mit Live. Das Bouncing in Live ist absolut transparent, und das ist es in Pro Tools nicht. Wenn man einen Bounce durchführt und das Stück über Master bounct, kann man den Unterschied in der Wellenform sehen.

Ableton ist auch sehr transportabel. Ich habe das Stück mit Hans Zimmer mit 100 Spuren gemacht, und eines mit Air mit 90 Spuren, ohne irgendein Problem. Es ist so sehr verbessert worden — die Qualität der Plugins, die Qualität der Kompressoren.

Wir haben Plugins von Ableton Live und Native Instruments benutzt. Ich habe angefangen, eine Menge Analog-Equipment zu benutzen, und eine Menge digitales auch. Es ist wirklich eine Mischung.

Wenn Du “digital” sagst, sprichst Du dann von Dingen wie einem Korg Kronos, oder sprichst Du von Software-Synths?

Beides. Ein sehr interessantes Beispiel für das, wovon ich spreche, ist das Stück „Close Your Eyes“, das ich mit Air gemacht habe. Bei der Planung haben wir entschieden:„Okay, wenn wir das machen, sollten wir ein Stück machen, das mehr als Air ist und mehr als Jean-Michel Jarre.“ Und wir sind auf diese Idee gekommen, jede Generation von Synthesizern und Keyboards zu benutzen, vom Anfang elektronischer Musik bis heute, angefangen bei den ersten Oszillatoren.

Also haben wir die elektronischen Klangerzeuger benutzt, die in den 40ern im Music Research Center mit Pierre Schaeffer und Karlheinz Stockhausen gebaut worden sind; einer der ersten Synthesizer, sogar vor Moog, den Pierre Schaeffer und Pierre Henry in den späten 40ern zusammengebaut haben. Er heißt Coupigny.

Jean-Michel Jarre Interview – Der Coupigny-Synthesizer

Was zeichnet den Coupigny-Synthesizer aus?

Es ist einfach ein Haufen Oszillatoren mit Hüllkurvengeneratoren, einem Ringmodulator und einer Art von LFO — sehr einfach. Und tatsächlich habe ich mein erstes Stück elektronische Musik damit gemacht, in der Ära des Public Radio — des französischen Radiosenders, wo Pierre Schaeffer gearbeitet hat. Ich habe damit gearbeitet und ich habe auch den ersten Tape-Loop gemacht — und Beats mit einem Tape-Loop.

Jean-Michel Jarre Interview: Jarre 1977 im Studio. (Foto: Sony)
Jean-Michel Jarre Interview: Jarre 1977 im Studio. (Foto: Sony)

Wenn man in dieser Zeit, lang bevor es Sampler gab, einen Loop kreieren wollte, hat man das so gemacht: Sagen wir, das Tempo sollte 120 BPM sein, das sind zwei Sekunden [pro Takt].

Bei 15 Inches Tape pro Sekunde braucht man für zwei Sekunden also 30 Inches, und die teilt man dann, um Viertelnoten, Achtelnoten usw. zu bekommen. Dann hat man einen Loop. Dann legt man das Band in den Tape Recorder ein und wickelt es um einen Mikrofonständer, um einen Loop zu bekommen! Der Anfang des Stücks, das ich mit Air gemacht habe, ist so entstanden. Das habe ich mit einer der ersten Drum Machines gemischt, einer frühen Korg namens MiniPops. Dazu dann frühe Streicherkeyboards wie ARP Solina und sowas.

Und Du hast Deine geliebte Eminent U310 Orgel benutzt, richtig?

So ist es. Und dann den ersten Modular Moog. Dann sind wir zum Fairlight und zu den ersten Samplern übergegangen. Anschließend zu digitalen Keyboards wie DX7 und Ähnlichem. Von da weiter zu Plugins. Den letzten Sound des Stücks habe ich mit einem iPad gemacht — mit Animoog.

Diese kleine App ist besser als man glauben kann, oder?

Sie ist unglaublich — ein revolutionäres Instrument.

Jean-Michel Jarre Interview – Delays, Re-Amping, kleine Geheimnisse

Effektgeräte waren schon immer integraler Bestandteil Deines Sounds. Es ist fast wie ein weiteres Instrument, besonders die Verwendung von Delays in Eimerkettenschaltung (bucket-brigade). Hast Du das Gefühl, Dich vom Computer wieder zurückzuziehen, wenn Du einen Software-Synth durch analoge Signalverarbeitung schickst, um es organischer zu machen?

Jean-Michel Jarre Interview: "The Time Machine"
Jean-Michel Jarre Interview: „The Time Machine“

Ein Delay ist ein Teil der Orchestrierung. Ich war schon immer ein großer Fan der Revox Bandmaschine. Ich habe zwei Revox-Maschinen mit verschiedenen Geschwindigkeiten benutzt, dann den Rhythmus mit dem Clicktrack synchronisiert, bis der Clicktrack mir das richtige Tempo gibt. Ich habe mit Plug-ins wirklich frustrierende Erfahrungen gemacht, und sogar mit Hardware-Delays, weil ich nichts finden konnte, was so wie ein Revox war.

An einem Punkt sagte ich mir: „Okay, ich sollte selbst ein Plug-in machen, um die Art von Delay zu bekommen, die ich will.“ Dann entdeckte ich Native Instruments Replika. Es ist ziemlich interessant und ziemlich nah dran an meinen Vorstellungen. Ich benutze auch Analog-Zeug — einen alten Vox AC-30 für manche Sounds.

Hast Du die Aufnahmen re-amped?

Nicht direkt re-amped. Ich benutze auch hier meine Revoxe für Delays und ein paar zusätzliche Outputs, die ich zum Beispiel in den ARP 2600 oder den ARP 2500 stöpsele, für Sequenzen, die ich mit einem Plug-in mache. Und ich benutze einige der Filter und Audio-Outputs und solche Sachen. Ich verwende auch Pedale wie Mu-Tron und Small Stone.

Experimentierst Du manchmal mit Röhren-Equipment?

Ja, ich bin ein großer Fan. Fast alle Synthesizer sind aus Transistoren und Widerständen aufgebaut, nicht aus Röhren und Glaskolben. Es ist sehr interessant, dass die neue Generation junger Leute neues Equipment mit Röhren und Glaskolben herstellen, wie Metasonix — super — und Knifonium, einer der unglaublichsten Synthesizer. Und es ist seltsam, dass es eine Art neuen Trend gibt: analoges Equipment aus Röhren und Glaskolben, was es so früher nicht gab.

Was war der letzte Hardware-Synthesizer, den Du gekauft hast?

Ich wollte meinen originalen ARP Odyssey mit der neuen Version vergleichen. Ich habe erstaunt festgestellt, dass es ziemlich nah am Original war. Ich habe den mit der Gold-Deko, der aus meiner Sicht der Beste ist. Und da ist der neue ziemlich nah dran.

Jean-Michel Jarre Interview – Flops werden gerne benutzt

Was sind Deine liebsten Equipment-Geheimnisse?

Ich liebe Synthesizer, die kommerziell gefloppt sind, wie der Seiko. Du kennst mein altes Album Rendez-Vous? Ich habe den kompletten Anfang damit gemacht.

Sprichst Du vom DS-250?

Ja, ich glaube, so heißt er. Auch der Alesis Ion — er ist sehr interessant, aber er hat sich auf dem Markt nicht durchgesetzt, weil er eingeführt wurde zwischen einer Menge anderer Dinge, die zur gleichen Zeit herauskamen.

Ein weiterer Top-10-Lieblings-Synthesizer ist der OP-1 von Teenage Engineering. Er sieht aus wie ein billiger Casio mit NASA-Touch. Technologisch ist er brillant. Der Sound ist unglaublich. Er ist ein rein digitales Instrument. Der Bildschirm ist großartig: Die Grafik ist wie eine Cassette, wenn man aufnimmt — zwei sich drehende Spulen. Und man kann mit einer Antenne AM-Radio empfangen und also seltsame Geräusche von einem Sender aus Russland oder woher auch immer samplen. Man hat ein eingebautes Mikrofon. Du kannst jede Menge Klänge zusammenmischen mit dem Radio-Sound und dann ‘reinsamplen. Es ist ein geniales Stück Equipment.

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