Jean Michel Jarre Interview (Foto: Keyboard)

Seit er 1976 sein zuhause produziertes Meisterwerk Oxygène auf die Welt losließ, ist Jean-Michel Jarre einer der produktivsten und einflussreichsten Komponisten und Performer elektronischer Musik. Jarre ist ein Pionier des Genres mit rund 100 Millionen verkauften Alben. Zudem war er der erste westliche Musiker, der eingeladen wurde, im kommunistischen China aufzutreten, und er ist Guinness-Rekordhalter für die drei größten Live-Shows der Geschichte — mit jeweils mehr als einer Million Zuhörer. Das Jean-Michael Jarre Interview.

„The Time Machine“, Jarres neuestes und ambitioniertestes Projekt, ist eine zweiteilige Serie von Kollaborationen mit einer tollen Ansammlung von Musikern — inklusive Ikonen wie Pete Townshend, Tangerine Dream, Hans Zimmer, Vince Clarke, Cyndi Lauper, Moby und Laurie Anderson, aber auch visionäre zeitgenössische Acts wie M83, Gesaffelstein, 3D (von Massive Attack), Armin Van Buuren und Air. Volume 1 ist auf dem Markt und Volume 2 wurde Mitte 2016 veröffentlicht.

Wir haben uns mit Jarre zusammengesetzt, um über das Projekt zu sprechen — und natürlich über seine anhaltende Liebesaffäre mit blinkenden Dingern, die nachts piepsen.

Jean-Michel Jarre Interview: Das Konzept hinter The Time Machine

Was war Deine Inspiration für The Time Machine?

Als ich dieses Projekt begonnen habe, hatte ich schon für einige Zeit diese Idee im Kopf von Kollaborationen zwischen mir und einigen Leuten, die mich inspiriert haben und zusammen mehr oder weniger vier Jahrzehnte elektronischer Musik abdecken — Leute, die jeweils einen sofort wiedererkennbarem Sound haben, und auch dieselbe Auffassung von Sound.

Alle haben „Ja“ gesagt! So hatte ich am Ende fast zwei Stunden Musik. Ich sagte mir:„Ich kann nicht nur ein Album veröffentlichen“. Also entschied ich, zwei zusammengehörende Alben zu machen, das eine im Oktober 2015 zu veröffentlichen und das zweite Anfang Mai 2016. Aber es steckt kein Tag-Nacht- oder Winter-Sommer-Konzept dahinter – es gibt keine Hierarchie.

Anders als bei manchen Deiner früheren Alben.

Genau. Eigentlich sind die ersten Stücke, die ich geschrieben [und auf Volume 1 veröffentlicht] habe, einfach die ersten, die ich fertig hatte. Auf Volume 2 werden Leute wie Hans Zimmer, Jeff Mills, Gary Numan and Cyndi Lauper zu hören sein. Diese Leute teilen eine Art Liebe für Keyboards, und sie sind alle zugleich „Analog-Tiere“ und „Digital-Geeks“.

Heutzutage gibt es so viele Alben mit gefeatureten Gastkünstlern, aber meistens haben die Leute sich nie getroffen. Man schickt eine Datei irgendwohin, jemand spielt darauf, und man trifft sich nicht einmal. Bei diesem Projekt war es genau umgekehrt. Ich bin selbst zu jedem Kollaborateur gefahren: Ich habe einen Zug nach Wien genommen, dann ein Auto, um zu Tangerine Dreams Studio 100 Meilen außerhalb von Wien zu kommen.

Ich bin nach Richmond bei London gefahren, um Pete Townshend zu treffen, und nach Bristol für Massive Attack; nach Brooklyn, um Vince Clarke zu treffen, und nach Los Angeles für Gary Numan, Hans Zimmer, Julia Holter und Laurie Anderson. Laurie lebt in New York, aber wir haben in Los Angeles aufgenommen.

Mit einer so vielseitigen Zusammenstellung von Künstlern zu arbeiten, bedeutet, dass Du ein breites Publikum ansprechen wirst, aber The Time Machine klingt definitiv wie ein Jean-Michel Jarre-Album. Hast Du Dir Gedanken darüber gemacht, wie man aus so vielen verschiedenen Sessions einen in sich geschlossenen Sound hinbekommt?

Ich habe nicht gezögert – ich wusste, irgendwie würde es funktionieren. Wenn man sich ein Album vorstellt, wo Pete Townshend drauf ist, dann Tangerine Dream und dann Laurie, und dann hast Du Armin van Buuren und dann Massive Attack und John Carpenter und Lang Lang, dann mag man sich fragen: „Was soll das alles?“

Aber tatsächlich finde ich, dass es wirklich Sinn ergibt — was wiederum sehr interessant für mich ist im Hinblick darauf, was es über elektronische Musik aussagt: Es gibt da so eine Art Zeitlosigkeit in der Idee von elektronischer Musik.

Wie wir wissen, ist elektronische Musik in Deutschland und Frankreich entstanden, aus der Tradition klassischer Musik kommend. Es hat nichts zu tun mit Jazz oder Blues oder Rock. Erst später haben brillante amerikanische Musiker das mit elektronischer Musik verknüpft. Aber die Grundlagen kommen wirklich aus Europa.

Was ich interessant finde: Wenn man das Stück mit Tangerine Dream nimmt und das Stück mit Fuck Buttons, hat man fast 40 oder 50 JahreUnterschied. Aber man weiß nicht, welcher Track von Leuten der älteren Generation gemacht ist und welcher von Newcomern.

Das ist diese Art von Zeitlosigkeit in diesem Projekt, die ich sehr schätze. Ich kann das [ohne Eigenlob] sagen, weil ich nicht der einzige bin, der dafür verantwortlich ist. Was ich wirklich tun wollte, war unsere DNAs in einer fairen, ausgewogenen Situation zu verschmelzen, sodass man sich ein Stück mit Air oder mit Moby anhören und sofort erkennen kann, was macht. Ich habe versucht, die richtige Balance zwischen deren Identität und meiner zu finden.

Jean-Michel Jarre Interview – Melodie oder Beat?

Sehr viel Elektronik ist Percussion-basiert, aber Deine Musik hat wunderbar miteinander verflochtene, kontrapunktische Melodien, die durch den Raum fließen und sich zu einem großen Bild zusammensetzen. Es war beim Hören dieser Platte faszinierend für mich, die verschiedenen Stile all dieser Musiker zu kennen und zuzuhören, wie Ihr Euch aufeinander zubewegt habt.

Lustig, ich habe heute mit Moby zu Mittag gegessen, und wir haben über die Bedeutung von Melodien in elektronischer Musik gesprochen. Es gibt ganz klar zwei Arten, Musik zu betrachten — entweder vom Beat her oder von der Melodie. Viele Leute, wie M83 oder Moby oder Air, glauben an die Wichtigkeit von Melodien.

Die Melodie ist das, was bleibt; der Beat lässt Dich nur Deinen Arsch bewegen.

Ganz genau — und wenn man beides haben kann, super.

Ich habe das so verstanden, dass Du für jedes Stück zuvor eine Rahmenidee erstellt hattest, auf die Du mit dem jeweiligen Künstler aufgebaut hast. Hast Du diesen Rahmen spezifisch auf den jeweiligen Künstler zurechtgeschnitten?

Ja, ich wollte ihnen jeweils den Platz lassen, sich selbst auszudrücken. Was mich wirklich gerührt hat, war, dass jeder der beteiligten Künstler gesagt hat:„Es ist Dein Album, Mann. Du hast das letzte Wort, und wir vertrauen Dir. Wir geben Dir so viel wir können, und dann bringst Du Dein Projekt zu Ende.“ Sie haben mir vertraut, und für mich als Musiker war das eines der fantastischsten Abenteuer meines Lebens — dieses eine Projekt.

Die letzten vier Jahre habe ich kontinuierlich an diesem Projekt gearbeitet. Ein Freund von mir, ein Londoner Musikkritiker, sagte mir, als ich ihm das Projekt geschickt habe:„Weißt Du, Du hast da vielleicht etwas ziemlich Interessantes erfunden: das nie endende Album“ [lacht].

Dein Projekt wird möglicherweise Zuhörer dazu bringen, neue Musik für sich zu entdecken. Sie werden sagen: „Ich kenne M83. Ich kenne Massive Attack. Das ist interessant. Was gibt es da noch?” Und das wird sie dazu bringen, andere Künstler zu erforschen, die an Deinem Projekt beteiligt sind.

Ich freue mich, dass Du das so siehst, denn dieses Projekt ist wirklich genau aus diesen Gründen zeitgemäß. Du kannst Dich diesem Projekt eigentlich durch zwei Türen annähern: Die eine ist eine Art zappender, Spotify-/iTunes-mäßiger Zugang, indem man sagt: „Ich kenne das hier, das ist interessant für mich.“

Darüber wirst Du dann etwas Anderes entdecken. Das Projekt ist andererseits gedacht als kontinuierlicher Mix, als Reise. In der Album-Version gehen die Stücke ineinander über, sodass man es von A bis Z durchhören kann und es eine zusammenhängende Dramaturgie ergibt. Ich schätze, an manchen Tagen hat man nur die Aufmerksamkeitsspanne für ein Stück, aber man kann mit dem ganzen Album eben auch eine Erfahrung machen wie man sie hat, wenn man einen Spielfilm sieht.

Und das Beste ist: Wenn das Ganze sich herumgesprochen hat, wird es pünktlich zum Mai mit Volume 2 plötzlich die nächste „Infusion“ geben.

Ich hoffe es, denn dieser Tage macht die Musikindustrie sehr schwere Zeiten durch. Musik ist überall und nirgendwo, und die Industrie weiß nicht, wohin mit sich. Eigentlich ist es interessant zu sagen: Wir planen ein Projekt von 18 Monaten, dazu gehören Remixe als weitere Schicht von Kollaborationen, und jedes einzelne Stück steht im Fokus. Ich spreche nicht von Singles, das ist etwas Anderes. Ich meine, dass jeder einzelne Track für sich genommen interessant ist.

Jean-Michel Jarre Interview Seite 2: ProTools und Ableton, das Equipment!