Hast du jeden deiner Kollaborateure gefragt, was sie über den ARP 2600 und den EMS VCS3 denken, um ihre Kompatibilität zu „messen“?

Du hast zwei meiner absoluten Lieblingssynthesizer ausgewählt. Ich habe noch viele andere Favoriten, aber müsste ich zwei monophone Instrumente auswählen, würde ich die beiden noch vor dem Moog nehmen.

Ich habe immer den Sound der Filter des ARP 2600 bevorzugt – die Transienten sind sehr scharf. Den Attack des Moogs fand ich immer eher schwammig – toll, organisch und warm, aber nicht so scharf. In Sachen Sequencer gab mir das immer etwas Einzigartiges. In Sachen Ergonomie ist der 2600 auch toll.

Und der EMS VCS3 ist der ideale Synthesizer, um unkontrollierbare Effekte zu machen. Nach einer Weile weiß man nicht mehr, was man macht, und man erschafft Sounds vollkommen intuitiv. Man hat einfach so viele Pins hat, mit denen man spielen kann. Man entdeckt Dinge wie ein Kind, das mit Spielzeug spielt. So fühle ich mich auch jetzt noch, 40 Jahre später. Diese Erfahrung habe ich mit keinem anderen Instrument.

Sounds sind wie Charaktere, und die besten wachsen und werden selbstständig. Ich erschaffe sie, und ich denke, ich kontrolliere sie. Dann wachsen sie weiter und sind ziemlich unabhängig. Es ist sehr interessant, wenn die organischen und abstrakten Parts nicht mehr in meiner Kontrolle sind. Wenn das passiert, dann bin ich immer ziemlich zufrieden mit dem, was ich gemacht habe.

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Jean-Michel Jarre Interview – Reverb und Delay als essentielle Elemente

Du komponiertest Demos, die genau auf jeden Kollaborateur zugeschnitten waren. Wie viele Songs der zwei Alben waren konzeptuell ausgearbeitet, und wie viele entstanden durch melodische und rhythmische Elemente?

Das hängt komplett vom anderen Künstler ab. Was mir da aber direkt einfällt, ist „Switch on Leon“, den ich mit The Orb gemacht habe. Es ist eigentlich eine dreifache Hommage an die elektronische Musik. Zuerst eine Hommage an The Orb, die eine der aufregendsten Electronic Music-Bands aller Zeiten sind, weil sie Collagen erstellen, eine surreale Herangehensweise an Musik haben.

Deswegen startete ich mit dieser Idee, eine Collage zu erstellen, die die Geschichte der elektronischen Musik beinhaltet. Aus Zufall traf ich letztes Jahr den Urenkel von Léon Theremin in Moskau, und als Geschenk gab er mir ein Sample seines Urgroßvaters – das ist das Intro in dem Track. Und die dritte Hommage ist an Robert Moog gerichtet, weil er so vom Theremin inspiriert wurde, deswegen nutzte ich einige Vocal-Samples von ihm.

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Jean-Michel Jarre Interview – Das Nachbilden der Realität

Alex Patterson und Thomas Kehlmann von The Orb sind sehr von Dub inspiriert. Sie filtern es durch kulturelle Prismen, um gefühlten Raum zu schaffen. Wie im Dub sind Reverb und Delay wichtige Komponenten deines Sounds.

Delays und Reverbs machen die Hälfte meines Sounds aus. Nehmen wir zum Beispiel das „Oxygène“- und das „Équinoxe“-Album: Das analoge Delay von zwei Revox B77 Tape-Maschinen macht wahrscheinlich 50% des Sounds dieser Alben aus. Ich hatte immer eine Hassliebe mit Delays, da ich nie etwas gefunden habe, dass meinen Revox-Maschinen entspricht. Diese kann man aufgrund ihrer Größe und Kompliziertheit nämlich nicht mit auf Tour nehmen.

Aber mit Replika von Native Instruments habe ich etwas sehr Nützliches für mich gefunden, damit kann ich totale Fantasiewelten erstellen – sowas mag ich an elektronischer Musik. Auf „Oxygène“ bildete ich Sounds der Natur nach – Wind, das Meer oder Möwen. Ich will den Regen nicht samplen. Ich will es nachbauen, sodass es poetischer und interessanter wird.

Am Ende des Tages ist jede Kunstform ein Fantasiegebilde der Realität. Stanley Kubrick, Van Gogh, Tarantino, Fellini, Stravinsky oder John Cage, sie alle bilden die Umgebung ab. Das Gleiche mache ich mit Synthesizern, ich erschaffe den Sound eines perfekten Orchesters oder so etwas in der Art.

Lange Zeit war ich dagegen, mehr als ein Delay und einen oder zwei Reverbs zu nehmen. Danach „verwirrt“ sich der Raum, den man erschaffen hat. Seit neuestem aber habe ich meine Meinung geändert – solange man Mono-Quellen nimmt.

Wenn man Delays aufnimmt, muss man sie systematisch voneinander getrennt aufnehmen, denn sonst geht man im Mixing unter. Meiner Meinung nach ist es am besten, den ersten Sound trocken und in mono aufzunehmen, denn das Stereo von Synthesizern ist nur Fake – meistens einfach nur eine Art Chorus.

Das ist okay, wenn es Teil deines Sounds ist – so wie man seine Gitarre mit einem Flanger-Pedal bearbeitet – , aber wenn man Raum schaffen möchte, ist das in Sachen Mixing sehr gefährlich.

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Hast du für den Song irgendwelche Methoden von The Orb übernommen, um dich ihrem Stil anzupassen?

Der Song ist ein gutes Beispiel dafür, wie man viele verschiedene Equipment-Stile nutzen kann, von Samplern und analogen Synthesizern bis hin zu digitalen Plug-Ins. Eigentlich ist es interessant, dass, wahrscheinlich durch den unterbewussten Respekt und den Wunsch, den kreativen Prozess zu teilen, alle Vocal-Samples von meiner Seite aus kommen. Und viele der Sequences, die vermeintlich von mir stammen, kommen von The Orb.

Es ist fast so, als ob wir der jeweils andere sein wollten: Sie wollten mit mir arbeiten, um elektronische Sounds zu machen, und ich wollte eine Sample-Collage erstellen. Wir starteten mit einem Stück Musik und einem Dialogfetzen von Bob Moog, den ich in einer alten Unterhaltung gefunden hatte. Stück für Stück gab mir der Sound, den Alex Patterson und Thomas Fehlmann in Berlin gemacht hatten, die Idee, den Song in anderer Art und Weise zu komplettieren, mit mehr Theremin-Einsatz.

Im Song sind Vocal-Recordings aus den 30ern, die mit digitalen Plugins wie Massive und Razor verbunden sind, verbunden mit einem Theremin aus den 60ern, das in meinem Studio steht, verbunden mit analogen Instrumenten, die Alex und Thomas machten. Dazu kommen dann noch Sequenzen, die ich mit dem ARP 2600 angefertigt habe. Ich habe meine eigene Stimme gesamplet, durch einige Pedale bearbeitet und dann gedreht.

Außerdem benutze ich einen seltenen französischen Synthesizer, den Coupigny. Der wurde in den späten 50ern, Anfang 60er hergestellt. Er ist praktisch eine Oszillatorbank mit Shape-Modulation, Wellenmodulation mit LFOs, aber er hat ein sehr großes Spektrum. Er reicht von 1Hz bis 30kHz oder sogar mehr. Den habe ich benutzt, um ganz tiefe Frequenzen und Soundeffekte zu erhalten, zusammen mit dem EMS VCS3. Es ist also eine Mischung verschiedener Techniken aus verschiedenen Zeiten.

Ich finde auch den Bass-Sound am Anfang sehr gut. Er ist ein Mix aus drei Sounds: ein ARP 2600, ein bisschen Moog, und ein paar gesamplete E-Gitarren. Der Trick war, ein paar Transienten der Tracks zu entfernen, sodass alles ein Sound blieb. Das ist schwierig, wenn man den Attack nicht ganz verlieren möchte, aber ich denke, dass der Mix aus analogem und digitalem Sound diesen 3D-artigen, kraftvollen Klang ermöglichte.

Jean-Michel Jarre Interview, Seite 3: „Exit“ mit Edward Snowden, analog vs. digital und vieles mehr!