Jean-Michel Jarre Interview zu Electronica 2 (Foto: Tom Sheehan (c) EDDA Tom)

Im neuen Jean-Michel Jarre Interview geht es um „Electronica 2: The Heart of Noise“, den zweiten Teil seines „Electronica“-Projekts.

Der französische Electronica-Pionier gibt philosophische Einblicke über Komposition, Inspiration durch alte Synthesizer und moderne Plugins, und über die Zusammenarbeit mit Künstlern wie The Orb und…Edward Snowden.

Die Karriere von Jean-Michel Jarre umspannt fünf Jahrzehnte: Von den strukturellen „musique concrète“-Experimenten bis hin zu leicht verdaulichem Synth-Pop. Nachdem er in den späten 60ern im elektroakustischen Studio von Pierre Schaeffer lernte, fand der klassisch gelernte Musiker in Oszillatoren und Magnetbändern die passenden Werkzeuge, um überirdische Klanglandschaften zu gestalten, um, wie er sagt, „in einem Aquarium mit Wolken rund um meinem Kopf“ zu sein.

Sein „Oxygène“-Album von 1976 verkaufte 15 Million Kopien. Das war eine Zeit, in der eigentlich der Punk angesagt war und kompakte Synthesizer den DIY-Musikern zusagte.

Jean-Michel Jarre Interview: Analog oder digital schließt sich nicht aus

Im Laufe seiner langen Karriere hat Jean-Michel Jarre eine große Anzahl an legendärem Equipment zugelegt. Gleichzeitig schätzt er auch den unberechenbaren, analog-ähnlichen Charakter von digitalen Instrumenten, wie zum Beispiel der Native Instruments Monark-Synth innehat. Schnell feiert er die Echtheit, aber auch die Eigenarten und Schrullen jedes Komponenten. Dieses Konzept führte ihn auch zu seinen letzten beiden Veröffentlichungen, „Electronica 1: The Time Machine“ und „Electronica 2: The Heart of Noise“.

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Beide Alben, im Laufe von vier Jahren sowohl mobil als auch im Studio komponiert, enthält 30 Kollaborationen mit Künstlern wie Air, M83, Gesaffelstein, Tangerine Dream, Massive Attack, The Orb, den Pet Shop Boys und vielen mehr. Mit einer klanglichen Skizze besuchte Jarre jeden seiner Partner, um Kultur und Kontext auszutauschen. In seinem Studio in den Außenbezirken von Paris finalisierte er dann seine Mixes. Das Ergebnis dieser Produktionen sind Songs, die von wabernden Ambient-Sounds bis hin zu flotter EDM reichen.

Von Berlin aus teilte Jean-Michel Jarre seine Gedanken mit. Er spricht über alles – über die historischen Wurzeln von elektronischer Musik, seiner Nutzung von Ableton Live, um Matrix-ähnliche „Bullet Time“-Momente zu sequencen. In diesen spricht Edward Snowden über die Beziehung von Mensch und Technologie.

Jean-Michel Jarre Interview – Der Trailer zum zweiten Album:

Jean-Michel Jarre Interview – Elektronische Musik

Was beinhaltet das Wort „Electronica“ für dich?

Ich weiß, dass das Wort besonders in den USA für ein Genre der 90er steht. Ein Wort, mit dem man den Unterschied zwischen purer Club-Musik und Non-Dancefloor-Musik beschreibt. Aber für mich hat das damit nichts tun. Das Wort ist für mich in zwei Elemente aufgeteilt: „Electronic“ und „a“. Was ich mit meinem Konzept versuche ist, die Muse zu personifizieren. Die Muse, die die Enkelin von Electra sein könnte, und wofür Electra in der Mythologie steht. Sie ist eine Verbindung von Energie und Licht und all dem.

Diese Konzepte sind sehr klassisch. Das erinnert an deine Ansichten über die Natur der elektronischen Musik.

Ich war immer davon überzeugt, dass es eines Tages der beliebteste Weg für das Komponieren, Produzieren und Distribuieren von Musik wird. Schon vom Anfang meiner Karriere an dachte ich das. Die Geburt war vor langer Zeit in Europa mit Künstlern wie Luigi Russolo in Italien mit „The Art of Noises“, dem Theremin in Russland ca. 1920, und Leuten wie Karlheinz Stockhausen und Pierre Schaeffer.

Anfangs hatte es nichts mit Rock oder Blues oder Jazz zu tun. Es besteht eher eine Verbindung zur klassischen Musik, diese langen, instrumentalen Stücke, die nicht im Pop-Format sind.

Es ist auch kein Genre wie Hip-Hop oder Punk – es ist ein grundsätzlich anderer Weg, wie man über Musik denkt. In der westlichen Welt, vor Leuten wie Schaeffer, Stockhausen und Pierre Henry, basierte Musik auf Noten und solfège. Und plötzlich gab es Leute, die bei Musik eher an Geräusche denken, die der Meinung sind, dass wir Musik machen können, wenn man mit einer Bandmaschine und einem Mikrofon Geräusche aufnimmt. Plötzlich ist der Unterschied zwischen „Noise“ und Musik in der Hand des Künstlers.

Für das „Electronica“-Projekt warst du für die Komposition zuständig. Was für einen Einfluss hatte das Reisen zu den unterschiedlichen Studios der anderen Künstler auf die fertigen Arrangements?

Musik und Inspiration sind für jeden Künstler mit Raum und Zeit verbunden. Elektronische Musik im Besonderen ist mit Städten verbunden: Berlin, Detroit, Paris, London, Bristol, New York, Chicago, LA, und viele weitere Städte. Alle haben ihren eigenen Sound und Kultur.

Das Reisen und das tatsächliche physische Treffen von Menschen in ihrer Umgebung war eine große Inspirationsquelle für mich. In Zeiten von „Featuring“-Albums, die so angesagt sind, ist das eine große Veränderung.

Jean-Michel Jarre Interview: Das Cover zu "Electronica 2: The Heart of Noise"
Jean-Michel Jarre Interview: Das Cover zu „Electronica 2“

Ich mag es nicht, Dateien zu Menschen zu schicken, die man niemals sehen wird, und mit denen man nur aus Marketinggründen spricht. Bewegt man sich von Punkt A zu B, so hat man Zeit, um Demos genau für jeden Künstler zu arrangieren, die ich treffen würde. Jedes Element einer Stadt, vom Licht bis hin zur Architektur und so weiter, hatte ihren Einfluss.

Die ganze Idee war es ja, Leute zu sammeln, die eine Inspiration für mich sind. Sie haben alle einzigartige Methoden und Zugänge zu Sounds. Sie sind überzeugt davon, dass Melodien und nicht nur die Beats das wichtigste Element elektronischer Musik sind.

Ich denke, all diese Künstler sind Nerds und haben dieselbe verrückte Vorgehensweise wie ich. Musik empfand ich immer als Sucht: ich mache es, weil ich sonst nichts andere mache. Ich träume von Malerei, Astrophysik und dem Fischen, aber ich reise durch meine Musik.

Das Jean-Michel Jarre Interview geht auf Seite 2 weiter!