Fullbucket: Björn Arlt an seinem Arbeitsplatz

Fullbucket heißt eine deutsche Freeware-Schmiede aus Hanau, die seit ein paar Jahren interessante Soft-Synths anbietet. Björn Arlt steckt hinter diesem Projekt, Baujahr 68, Musiker und Software-Engineer und ein wenig verrückt, wie er selbst von sich sagt.

Gerade hat er die Nachbildung der legendären KORG 3000er-Reihe fertiggestellt. Alle drei Systeme, der KORG PS-3100, der KORG PS-3200 und der KORG PS-3300 stehen zum Download bereit. Und wer seine Arbeit zu schätzen weiß, der kann über den Donate-Button sogar noch einen Obulus via PayPal entrichten.

Aber das wird nicht alles bleiben, Björn hat eine Menge Ideen im Kopf. Hoffen wir, dass er neben seinem Beruf genug Zeit dafür hat, diese zu verwirklichen …

Interview mit Björn Arlt von Fullbucket

Wie kam es zur Gründung von Fullbucket? Eigentlich programmierst Du ja Freeware, hast aber einen Spenden-Button eingebaut?

Im echten Leben bin ich Programmierer, Softwareingenieur, wie es so schön heißt. Ich bin aber seitdem ich denken kann Musiker und von Synthesizern fasziniert. Irgendwann, das war 2010, habe ich mir gedacht, so ein Ding selbst zu bauen. Die VST-Schnittstelle ist da, bau doch mal den Synthesizer als Software-Version, den du gerne hättest. Die Rechner sind schnell genug, und da hab ich mir den ersten Synthie, den „Blooo“, zusammengeschraubt. Dann dachte ich mir: „Eigentlich könntest du das den Leuten auch als Freeware anbieten.“

Und, naja, ist dann auch ganz gut gelaufen. Vor 2 oder 3 Jahren, da hat mir jemand gesagt, mach doch einfach so einen Donate-Button von PayPal – kostet ja nichts,  tut ja nicht weh, und ja – da habe ich das gemacht.

Kommt da was?

Joooaaa, es ist schon nett, aber man kann nicht davon leben. Auf keinen Fall, das haut nicht hin. Will ich aber auch gar nicht. Der Vorteil ist natürlich: Ich kann halt das machen, wozu ich Lust habe. Und so habe ich mal den KORG PS-3300 gebaut. Da gibt es massenhaft Anfragen, ob ich nicht Velocity und Aftertouch einbauen möchte. Aber der hatte das damals nicht. Da habe ich gesagt, nein, mache ich nicht! Und wenn ich das jetzt kommerziell betreiben würde, müsste ich mich eventuell beugen. Dann würden es mehr Leute kaufen. Aber ich wollte einfach dicht am Original bleiben.

Wie bist Du auf den KORG PS-3300 gekommen. Das ist ja eigentlich ein Synthesizer, den kaum jemand jemals wirklich live gesehen hat! Der war selbst damals selten und sehr, sehr teuer. Steht bei Dir so ein Schätzchen rum?

Nee, null gar nix!

Das Einzige was ich analog hier rumstehen habe, ist der Korg Mono/Poly. Den habe ich auch schon damals nachgegossen.

Fullbucket FB3300
Fullbucket FB3300

Den KORG PS-3300 fand ich einfach superfaszinierend. Hier liegt das Buch Synthesizer von Gestern von Matthias Becker rum. Da ist die Kiste auch drin, und ich habe immer gedacht: Wie fühlt sich das an, so ein Ding zu programmieren? Zum ersten Mal gesehen habe ich das das Gerät auf einer Klaus-Schulze-Platte. Da ist er recht prominent drauf, und da habe ich gedacht: „Was ist das für ein Teil?“ Das Schöne ist halt, im Internet findest du alles! Einfach, einfach cool. Da gibt es Einstellungsbeispiele, dazu die Schaltkreise etc. Man kann alles nachvollziehen, das Manual ist irgendwo kopiert und fliegt als pdf rum, und da habe ich einfach gedacht, bau das mal zusammen, das Ding.

Angefangen habe ich mit den KORG PS-3100er, das ist der etwas kleinere Synth. Den 3300er wollte ich eigentlich gar nicht nachschieben, aber da meinte jemand, jetzt sei ich schon so weit, dann kann man doch die ganze Serie machen. Das Schöne ist halt, ich kollidiere nicht mit irgendwelchen kommerziellen Anbietern. Das Gerät kennt ja kaum  jemand. Wird KORG den irgendwann nachbauen als Plug-in? Ich glaub eher nicht.

Korg PS-3300 – aus dem Buch in den Rechner

Wie bist Du denn da klanglich vorgegangen? Man will ja relativ genau ans Original ran. Wie hast Du es denn geschafft, klanglich in diese Richtung zu kommen?

Offen gesagt, ich weiß nicht, wie nah ich dran bin, ich hoffe einigermaßen nah! Also, ich bin jetzt ehrlich gesagt nicht so ein Erbsenzähler, der jetzt sagt, jetzt will ich es aber ganz genau bis zum letzten Kondensator nachbauen, das muss genau so klingen. Ich hab mir das angeguckt. Wie sieht es ungefähr aus, wie klingt es auf YouTube. Das ist manchmal gar nicht so einfach. Wenn die Leute irgendetwas aufnehmen direkt aus dem Lautsprecher, der irgendwo im Raum steht, klingt er etwas merkwürdig.

Ich glaube aber, das Entscheidende ist die Nachbildung der Filter. Da habe ich mich an dem frei verfügbaren Artikel von Will Pirkle und irgendwelchen anderen Leutchen aus dem Internet bedient. Habe das Ding analysiert, wie es ungefähr aussieht, habe das in Software nachgegossen, habe es ein wenig modifiziert. Und dann aber geguckt, wie sieht der Wellenverlauf aus? Wenn ich die Resonanz hochdrehe, und das sieht dann eigentlich ganz nett aus, dann müsste das so einigermaßen passen. und vom Klang … jaa – wie gesagt, ich weiß nicht, ob es 100% genau klingt. Das weiß fast keiner.

Um eigentlich mal die Wertigkeit eines Freeware-Synthesizers zu sehen: Wieviel Manntage, Mannstunden stecken in so einem Objekt?

Fullbucket-Arbeitsplatz von Björn Arlt
Inklusive Theremin: Der Arbeitsplatz von Björn Arlt

Puh, das ist echt eine gute Frage! Wenn es nach meiner Frau geht, viel zu viel! (Lacht)

Ich kann das wirklich schwer sagen. Ich schätze mal so in der Woche sitze ich 10-12 Stunden dran, dann kommt die Zeit hinzu, in der ich im Zug am Laptop sitze. Da kommt schnell was zusammen. Korrekt ausrechnen kann man das nicht, aber es ist irre viel Zeit. Und was extrem viel Zeit braucht, ist das GUI. Ich persönlich kann auf ein schönes GUI verzichten, aber es muss schon ein wenig schick aussehen. Natürlich haben die kommerziellen Firmen Grafiker, die können natürlich tolle Sachen raushauen, aber ich bin soweit eigentlich relativ zufrieden.

Kompliment, das Ding sieht toll aus. Also, keine Frage.

Und dann kommen ja noch andere Sachen hinzu. Ich bin der Meinung, ein Owners-Manual gehört immer dazu – auch das kostet Zeit.

Dann gibt es aber auch die Vorzüge der Freeware-Szene: Der Laurent Bergman hat mich angeschrieben und eine Übersetzung ins Französische von meinen Manuals gemacht, denn ich habe viele Fans in Frankreich.

Das französische Manual gibt es jetzt auch bei mir als Download auf der Webseite.

Und es gibt auch Leute, die programmieren dann Sounds für die anderen Dinger, die ich auch früher schon gemacht habe. Die machen dann natürlich gleichzeitig noch Betatests, das ist halt sensationell.

Auch die Community ist da großartig. Als ich den 3300er hochgeladen habe, das war passend Freitag, der 13., haben die Leute das Ding sofort runtergeladen und direkt Fehler gefunden. Dann habe ich hier freitags abends gesessen habe und in zwei Stunden den Fehler noch korrigieren können. Das ist wirklich großartig.

Einigermaßen fanatisch und ein wenig verrückt …

Wie muss man eigentlich drauf sein, so etwas zu machen?

Erst mal muss man einigermaßen fanatisch sein…

Ein wenig verrückt?

Ja, auch das.

Ich habe mit 10 oder 11 zum ersten Mal Eberhard Schöner gehört, Flashback hieß die Platte. Und habe mich gefragt, was da so zwitschert, und da war es eigentlich passiert. Dann habe ich auch relativ schnell festgestellt: Das ist ein Synthesizer! Natürlich wollte ich sofort einen Synthesizer haben. Das hat dann aber noch gedauert. Die waren ja für mich als Schüler noch schweineteuer, und bevor ich einen Synthie bekommen habe, gab es einen Commodore 64. Und den habe ich programmiert bis zum Anschlag.

Seitdem habe ich auch  immer Computer und Musik als Einheit gesehen. Und dann habe ich an der Uni Frankfurt Informatik studiert, habe was mit neuronalen Netzen in der Diplomarbeit gemacht mit viel Mathematik dabei. Und das ist eigentlich schon artverwand mit der digitalen Signalverarbeitung. Man muss eben die Grundlagen der Mathematik verstehen. Analysis muss man können, um die ganzen Filter zu verstehen, und die Mathematik, die dahinter steht. Und man darf keine Angst haben vor brutalen Programmiersprachen wie C++ oder sowas. Da kam mir von früher dann auch der Umgang mit dem alten Commodore zugute, und dementsprechend finde ich C++ gar nicht so schlimm. Ich schaue auch immer, dass die Performance stimmt und die Programme flott laufen.

 Björn Arlt mit Band
Björn Arlt macht auch privat Musik

Machst Du heute noch selber Musik?

Ja, klar. Auf Soundcloud ist einiges von mir zu finden. Das ist so für den Eigenbedarf. Ansonsten spiele ich noch in einer Jazz/Funk-Band.

Fullbucket – tolle Ideen für die Zukunft

Was hast Du denn noch vor mit Fullbucket?

Gerade ist der KORG PS-3200 fertig geworden. Ansonsten kündige ich ungerne etwas an, denn damit setze ich mich zeitlich unter Druck. Es kann sein, dass im Beruf mal sehr viel Arbeit anliegt, da muss das Hobby dann Pause machen.

Natürlich programmiere ich Sounds, mache De-Bugging, muss mich um die Webseite www.fullbucket.de kümmern.

Die Korg 3000er-Serie ist jetzt ja abgeschlossen. Was ich gerne machen würde, wäre ein Modularsystem. Ich möchte da weitermachen, wo die 3000er-Serie ihre Einschränkungen hat.  Man kann da halt den Signalfluss nicht beeinflussen.

Dann hat mir jemand aus Österreich einen interessanten Vorschlag gemacht, ein Gerät mit wenigen aber dann musikalischen Parametern zu programmieren.  Nimm z.B. „Holz“ dann wird der Sound holziger, was immer das auch sein mag, oder z.B. „Blech“.

Es sollte auf jeden Fall ein musikalisch programmierbares Performance-Instrument sein. Die Idee finde ich ziemlich cool.

Die Korg 3er Serie sind ja Nachbildungen „alter“ Schätzchen.  Hast Du auch schon mal einen Fullbucket-Synthesizer gemacht?

Neben den ganzen subtraktiven Systemen habe ich noch den Scrooo gemacht.  Das ist was völlig Seltsames. Ich glaube, ich habe das „spektrale Formantsynthese“ genannt. Der ist „extrem digital“ und arbeitet mit Frequenzmodulation, aber völlig abgedreht. Du hast da drei Formantblocks und kannst aus Sinusfrequenzen Partials, also harmonische Obertöne erzeugen. Das klingt ziemlich ungewohnt. Jetzt, wo ich hier auch einen Mac rumstehen habe, muss ich den erweitern und portieren. (Anmerkung von Nikolai aus dem Lektorat: Ja, bitte, unbedingt!!)

Sind wir Deiner Meinung eigentlich schon am Ende der klanglichen Entwicklung angekommen oder wird es noch was geben, was uns alle umhauen wird?

Björn Arlt am Synthesizer
Björn Arlt am Synthesizer auf der Bühne

Es ist natürlich die Frage, wen haut was um? Ich war z.B. damals nie ein großer Fan vom DX-7. Den fand ich nie so klasse. Ich stand vielmehr auf die alten PPGs. Die fand ich total revolutionär. Und ich war vom Sampling total begeistert. Bin eigentlich enttäuscht, was heute aus den Samplern geworden ist. So richtige Sampler gibt es eigentlich nicht mehr.

Mich fasziniert die Granularsynthse. Aber ich bin sicher, irgendwer wird irgendwas, ob gezielt oder durch Zufall, entwickeln, was uns wieder umhaut. Am Ende sind wir bestimmt noch nicht.

Hast Du Dich mal mit Sprachsynthese und Vocals beschäftigt?

Ich hatte so etwas mit dem Qyooo angedacht. Da wollte ich so einen reinen Formantsynthesizer machen. Das ist auch so ein Ding, wo man coole Sachen machen könnte. Auch mit Re-Synthese könnte man viel mehr machen.

Das klingt so, als wenn wir von Fullbucket in der Zukunft noch einiges erwarten könenn?

Ganz bestimmt.