Tastengröße bei Synthesizern
Die kleinste und die größte Tastatur in meinem Studio: ROland K-25M auf einem Korg SV-1

Ich mach hier mal ein Fass auf, und zwar ein nicht zu kleines. Kaum etwas wurde in letzter Zeit in der Synthesizer-Szene so kontrovers diskutiert wie die Tastengröße. Muss das sein? Gibt es nichts Wichtigeres?

Kleine Tasten wurden schon öfters als 100%iges K.o.-Kriterium beim Kauf genannt – als ob es bei einem Synthesizer nicht viel mehr auf den Sound ankommt, den das Gerät von sich gibt. Nähern wir uns zunächst mal ganz sachlich. Wo kommen die kleinen Tasten her, was spricht für und was gegen sie – und was für oder gegen große Tasten?

Kleine Tasten gibt’s schon lange!

Das erste eigenständige Instrument mit kleinen Tasten, das mir unter die Finger kam, war ein Yamaha PortaSound PS3 Anfang der 80er. Dieses kleine Keyboard mit Begleitautomatik in einem – nennen wir es mal – schicken braunen Plastikköfferchen war zusammen mit den kleineren Modellen PS1 und PS2 Yamahas Einstieg in die Welt der Heimkeyboards und der Anfang vom Untergang der Heimorgel. Das PS3 darf auf dieser Webseite auch absolut zurecht erwähnt werden, denn die erzeugten Sounds klangen echt synthetisch! Was man aus dieser kleinen Tröte alles machen kann, kannst du übrigens hier lesen und sehen. Damals steckten noch Synths in den Keyboards, auf deren Parameter man auf den Platinen sehr guten Zugriff hatte.

Aber zurück zum Thema: Beim eben erwähnten Stichwort Heimorgel fällt mir noch ein, dass es damals auch dreimanualige Orgeln gab, bei denen das oberste „Solo“-Manual oft auch mit kleineren Klaviatur mit entsprechend kleinen Tasten ausgeführt war.

Eigentlich wollte ich nur erwähnen, dass das Phänomen der kleinen Tasten gar kein neues ist. Gibt’s schon lange, nur seit ein paar Jahren eben auch vermehrt an Profi-Instrumenten.

Die Größe einer Klaviatur ist eigentlich genormt

Roland Jupiter-6 Tastatur
Die Tastatur eines Roland Jupiter-6

Viele Menschen neigen ja dazu, alles und jeden zu standardisieren und das dann in eine Norm zu packen. Das reicht bis zur exakten Klassifizierung von Bananen, die in der EU-Verordnung 2257/94 festgelegt ist – übrigens ohne die Krümmung, die darin entgegen anderslautender Gerüchte zum Glück nicht erwähnt wird.

Auch die Klaviatur eines Synthesizers bzw. Pianos ist von dieser Normierungswut betroffen. Geregelt wird die Größe einer Tastatur in der DIN 8996. Laut einem Schema von Wikipedia – das DIN-Dokument kann sicher jeder für viel Geld kostenpflichtig runterladen – ist eine weiße Taste exakt 145 mm lang und 23,6 mm breit.

Glücklicherweise hält sich niemand wirklich an diese Norm. Schließlich sind wir Musiker doch Individualisten. Musik ist Kunst, und die sollte doch so individuell sein, wie auch die Instrumente, auf denen sie gemacht wird.

Hier mal ein paar Beispiele von Größen weißer Tasten aus meinem Synthesizer-Studio, die schwarzen lasse ich weg – die wachsen oder schrumpfen entsprechend mit. Mir geht es nur darum, etwas zu verdeutlichen:

Große Tasten

  • Clavia Nord Modular I (25 Tasten, ungewichtet): 23 mm breit, 130 mm lang
  • Korg SV-1 (88 Tasten, gewichtet, Hammermechanik): 23 mm breit, 153 mm lang
  • Roland Jupiter-6 (61 Tasten, ungewichtet) 23 mm breit, 141 mm lang
  • Solina String Ensemble (49 Tasten, ungewichtet) 23 mm breit, 140 mm lang

Kleine Tasten

  • Korg microKorg (37 Tasten, ungewichtet) 18 mm breit, 81 mm lang
  • Roland Boutique K-25 (25 Tasten, ungewichtet) 20 mm breit, 83 mm lang

Die Länge der Tasten gilt von der Tastenspitze bis zu dem Punkt, an dem sie im Gerät verschwindet. Es zählt also nur der mit den Fingern spielbare Bereich!

Tastengröße – jeder wie er will!

Roland JP-08 Boutique mit K-25M Tastatur
Die Minitastatur K-25M passt auf alle Boutique-Modelle von Roland.

Und es fällt auf: Auf 23 mm Tastenbreite bei großen weißen Tasten konnten sich die meisten Hersteller anscheinend einigen. Aber das war’s auch schon. Alle Tasten sind unterschiedlich lang. Bei den kleinen Tasten halten sich die Firmen nicht mal an die gleiche Breite. Mangels Synthesizers maß ich noch mein altes Yamaha PSS-102 Spielzeugkeyboard. Dessen Tasten sind wie bei Korg (ein Korg MS-20 Legacy-Controller steht hier ebenfalls) 18 mm breit, aber nur 80 mm lang.

Und: Die Unterschiede sind vor allem in der Länge der Tasten ganz enorm! Wenn wir also über große oder kleine Tasten sprechen, sollten wir nicht vergessen, dass es selbstz innerhalb der beiden Gruppen doch recht beachtliche Unterschiede gibt. Denn ein paar Millimeter sind für die Finger eines geübten Spielers schon sehr deutlich spürbar.

„Geübter Spieler“ ist auch ein schönes Stichwort: Über das, was wir Synthesisten „große“ Tasten nennen, schimpft übrigens jeder Konzertpianist. Schließlich ist die Klaviatur eines Konzertflügels noch mal ein kleines Stückchen länger als die hier gemessenen ca. 140 Millimeter einer durchschnittlichen Synthesizer-Klaviatur. Und dort hat die Länge durch die liegende Hammermechanik auch Auswirkungen auf den Hub – und damit das komplette Ansprechverhalten des Instruments!

Wir können also schon mal festhalten: Klaviaturen von verschiedenen Herstellern sind meist ein bisschen unterschiedlich groß. Und da wir alle unterschiedlich große Hände haben, kommen uns die Tastaturen auch unterschiedlich entgegen.

Große gegen kleine Tasten – ein Vergleich

Machen wir nun mal eine Gegenüberstellung und versuchen, ganz objektiv die Vor- und Nachteile von großen und kleinen Tastaturen rauszuarbeiten. Mal sehen, was mir so alles an Punkten einfällt.

Vorteile großer Tasten

Novation BassStation 1
Klassiker mit 25 großen Tasten: Novation BassStation

Größter Vorteil ist sicher zunächst mal, dass die meisten Spieler diese Tastaturgröße gewohnt sind. Ein „klassisches“ oder „vollwertiges“ Instrument, auf dem wir das Spiel erlernen, hat große Tasten.

Legt man seine Hand locker ohne Anspannung auf eine Klaviatur, so werden die 5 Finger in der Regel auch fünf Tasten treffen. Das funktioniert auch bei meinen recht breiten Fingern! Ist auch kein Wunder, schließlich haben sich die Hersteller an der menschlichen Hand orientiert. Das Resultat ist eine Tastenbreite, die für ein entspanntes Spiel sorgt.

Große Tasten gibt es für unterschiedliche Bedürfnisse in unterschiedlichen Ausführungen. Das geht los bei der Pianoklaviatur mit Hammermechanik und  einer Niederdruckschwere, also dem Gewicht, das benötigt wird, damit die Taste runterfällt, von 45 bis 50 g. Es gibt halbgewichtete , ungewichtete oder besonders leichtgängige wie Waterfall-Tastaturen, die sich für schnelle Orgellicks besonders gut eignen.

Mein persönlicher Favorit: die mit Metallplatten unterlegte Tastatur meines Korg DSS-1. Sie hat genug Widerstand, ist leichtgängig und hat auch beim Aftertouch noch genug Gewicht, das bewegt werden will.

Vorteile von kleinen Tasten

Korg MicroKorg, Foto: Korg
Dauerbrenner-Synth mit kleinen Tasten: Korg MicroKorg

In der Herstellung sind sie günstiger als große Tasten, da weniger Rohstoff benötigt wird. Das Gewicht sinkt, die Verpackungsgroße schrumpft und der Transport wird auch billiger. Schließlich passen auch ein paar mehr Geräte in einen (ebenfalls genormten) Überseecontainer. Alles Faktoren, die dazu führen, dass der Synthesizer am Ende im Laden ein bisschen günstiger ist.

Heute passen ein Korg Minilogue und ein Roland Boutique-Synth nebeneinander auf den Platz, den früher ein einzelner Solosynth auf dem polyphonen Keyboard benötigte. Das sorgt für eine viel größere Klangauswahl, und nebenbei sind die beiden zusammen inzwischen günstiger als ein einzelner Synthesizer damals!

Aber nicht nur auf das große Keyboard, sondern auch auf den Tisch bei Home-Produzenten mit wenig Platz, passt eine Mini-Tastatur wahrscheinlich viel besser.

Ganz nebenbei: Der erfolgreichste Synthesizer der letzten 16 Jahre ist der Korg microKorg – und der hat ebenfalls kleine Tasten!

Noch ein Vorteil: Die Fingerspannweite ist größer! Ich habe selbst eher kurze Finger und kann auf der „ausgewachsenen“ Klaviatur meines Masterkeyboards mit einer Tastenbreite von 23 Millimetern (vermutlich sind es die genormten 23,6 mm) 14 Halbtöne mit Daumen und kleinem Finger erreichen (vom C bis zum übernächsten D). Auf dem K-25M Keyboard der Boutique-Serie von Roland sind es dagegen locker 16 und mit ein bisschen Strecken sogar 17 Halbtöne vom C bis zum übernächsten F.

Die Nachteile von großen Tasten

Ab einer gewissen Breite wird’s unhandlich. OK, Synthesizer mit kleinen Klaviaturen gibt’s nicht mit 88 Tasten. Aber 88 Tasten sind mit Zwischenräumen fast 123 cm breit. Und auch Modelle mit 49 oder 61 großen Tasten sind in der Regel schwerer als die kleinen Geräte. Selbst die Novation Bass-Station der 1. Generation ist mit ihren 25 Tasten um einiges breiter als ein Roland Boutique-Synth mit kleinen Tasten – auch ohne die Modulationsräder!

Menschen mit kurzen Fingern werden manche Stücke nicht gut spielen können – okay, zugegebenermaßen betrifft das in erster Linie ein paar klassische Klavierkonzerte und kaum uns Synthesisten.

Und wenn kleinere Tasten günstiger in der Herstellung sind, werden im Umkehrschluss große Tasten einen Synthesizer eben auch entsprechend verteuern.

Die Nachteile von kleinen Tasten

Korg Minilogue, Foto: Korg
Wäre der Korg Minilogue mit großen Tasten ein noch besserer Synthesizer? Foto: Korg

Oben habe ich erwähnt, dass die fünf Finger einer lockeren Hand perfekt auf fünf großen Tasten aufliegen. Bei kleinen Tasten muss man die Finger deutlich enger zusammenhalten. Das kann schnell zur verkrampften Fingern führen – das flüssige Spiel ist dann im Nu vorbei.

Auch ist die Gefahr deutlich größer, dass man zwei Tasten auf einmal trifft. Klingt meist auch nicht gerade schön.

Wenn man auf beiden Größen spielt, wird man wahrscheinlich auf kleinen Tasten viel öfters „danebenhauen“. Der Tastenabstand ist einfach viel ungewohnter.

Ist es ein Nachteil, dass es kleine Tasten nicht in gewichteter Ausführung gibt? Da fällt mir die Frage ein: Wie funktioniert eigentlich ein Toy Piano? 😉

Mein Fazit

Ganz ehrlich: Mir ist es fast egal, ob ein Synthesizer große oder kleinen Tasten hat. Ich habe ja auch jede Menge Synths, die haben überhaupt keine Tasten, denn sie sind 19“-Rackmodule! Früher oder später landen alle Synthesizer bei mir sowieso per MIDI, USB oder sogar CV/Gate irgendwie an meinen Rechner. Der spielt nämlich viel besser als ich und kann vor allem mehr Klangerzeuger gleichzeitig ansteuern. Und an ihm hängt eine Tastatur, mit der ich alle Synthesizer hier spielen kann.

Ha, stimmt gar nicht! Dank MIDI-In&Out-Verkabelung hängen sogar mehrere Tastaturen dran. Und ich kann mir aussuchen, ob ich große oder kleine Tasten spielen will.

Und wie sieht das bei dir aus? Gehörst du zu einem der beiden Tasten-Lager und verteufelst die andere Größe? Oder ist es dir so egal wie mir? Schreib es mir in den Kommentaren!