Das Mellotron - Mechanik pur! (Foto: Tobias Akerboom (at hutmeelz) - http://flickr.com/photos/13443215@N06/3528339151)

Das Mellotron ist bei genauerer Betrachtung eigentlich gar kein Synthesizer im üblichen Sinne. Eigentlich kann man ihn sich eher als entfernten Vorfahr der heutigen Sampler ansehen.

Dass ich dennoch nicht darauf verzichten möchte, ihn in dieser Reihe vorzustellen, liegt zum einen daran, dass das Mellotron vielen klassischen Pop-Songs (beispielsweise Strawberry Fields Forever von den Beatles oder Nights in White Satin von den Moody Blues), seinen klanglichen Stempel aufgedrückt hat. Zum anderen ist es darin begründet, dass das Mellotron von seiner technischen Konzeption her neben Ondes Martenot und Mixturtrautonium wohl eines der ausgefallensten, eigenwilligsten, faszinierendsten und ungewöhnlichsten elektronischen Instrumente überhaupt ist.

Mellotron – Die Geschichte

Die Mellotron-Geschichte begann in einer kleinen Fabrik außerhalb von Birmingham/England, welche von den drei Brüdern Norman, Frank und Leslie Bradley geführt wurde. 1962 trat ein Amerikaner an diese auf die Herstellung von Tonköpfen spezialisierte Firma namens Bradmatic Ltd. heran und fragte an, ob sie 70 Tonköpfe liefern könne.

Vorgesehen waren diese Tonknöpfe für den Prototyp eines Tasteninstruments, in welchem jede Note dadurch erzeugt wurde, dass ein Stück Tonband an einem Wiedergabeknopf vorbeilief. Die Entwicklung dieses neuartigen Instruments namens „The Chamberlain“ befand sich zwar bis dato lediglich im Anfangsstadium. Es beherbergte jedoch zweifellos enorme musikalische Möglichkeiten.

Der amerikanische Unternehmer, der für die Finanzierung des Projektes solche Persönlichkeiten wie Eric Robinson, den Bandleader, und David Nixon (einen berühmten Zauberer) hatte gewinnen können, bat daher die Bradleys, das Konzept des Instruments zu überarbeiten.

Im Jahre 1964 wurde dann daraufhin schließlich das Mellotron Mark 1 fertiggestellt. Dessen Name war aus den Begriffen „melody“ und „electronics“ abgeleitet. Da die erste Version noch sehr unzuverlässig arbeitete, wurde sie zu Beginn des folgenden Jahres durch die überarbeitete Version Mellotron Mark 2 ersetzt.

Mellotron – Das Mark 2

Beim Mark 2 handelte es sich um ein Instrument mit zwei Manualen, die nebeneinander lagen und jeweils einen Bereich von 35 Noten umfassten. Die Tastatur für die linke Hand war in zwei Hälften unterteilt. 18 Tasten waren für die Rhythmussektion und die verbleibenden 17 Tasten für die Begleitsektion (Akkorde) reserviert. Das komplette rechte Manual war für das Melodiespiel vorgesehen.

Die Eric Robinson-Organisation war sowohl für die Finanzierung des Projekts und den Vertrieb der Geräte zuständig. Auch die Aufnahme der Mastertapes, von denen die 3/8-Zoll-Bänder für das Instrument kopiert wurden, war sein Aufgabenbereich. Für jede Note auf dem Mellotron gab es ein Band, und jedes enthielt 18 unterschiedliche Passagen, die auf 6 verschiedenen Abschnitten des Bandes auf jeweils 3 parallelen Spuren untergebracht waren. Jedes dieser Bänder war 128cm lang.

Ein Mellotron Mark 2 wird erklärt:

Die verschiedenen Abschnitte des Bandes waren über eine Vorrichtung zum Vor- und Zurückspulen zugänglich. Zu Beginn beinhalteten die Bänder Aufnahmen von einzelnen Noten akustischer Instrumente und kompletten Passagen, gespielt von Blaskapellen, Skiffle- und Jazz-Bands oder Streichquartetten. Jede Note spielte die spezielle Passage oder eine Variation davon in der entsprechenden Tonart.

Auf der tiefsten Note war jeweils zusätzlich noch ein Teil gespeichert, der den Rhythmus am Ende des Stücks abschloss. Viele der Bänder wurden von bekannten Musikern aufgenommen, wenngleich dies den Besitzern der frühen Mellotrons aus vertraglichen Gründen nicht mitgeteilt wurde. Wurden alle 3 Sektionen, also Melodie, Begleitung und Rhythmus zusammen gespielt, so klang das Ganze tatsächlich wie eine richtige Band.

Mellotron – Die Anwender

Der BBC (British Broadcasting Cooperation) erschien das Mellotron als ideales Werkzeug für ihre Soundeffektabteilung und sie bestellte bei der noch jungen Firma, die mittlerweile nach der Stadt, in der sich der Firmensitz befand, in Streetly-Electronics umbenannt worden war, ein Mellotron der zweiten Serie mit 1260 (!) Spezialeffekten.

Diese Zahl repräsentierte exakt die Gesamtzahl der Klänge, die sich mit dem Mark 2 erreichen ließ: 70 Noten x 3 Kanäle x 6 Bänke. Zu hören ist das Mellotron sowohl (wie bereits erwähnt) auf dem Beatles-Klassiker Strawberry Fields Forever, als auch auf dem „In the Court of the Crimson King“-Album von King Crimson, auf dem u.a. spätere Berühmtheiten wie Greg Lake, Robert Fripp und Mel Collins zu hören sind und welches einen Großteil seiner unverwechselbaren Atmosphäre dem massiven Einsatz von Mellotronklängen zu verdanken hat.

In diesem Video mit Paul McCartney erhält man Einblicke ins Innenleben:

Auch der mellotronlastige Sound der Moody Blues kam nicht von ungefähr, hatte doch deren Keyboarder Mike Pinder 18 Monate lang für Streetly-Electronics gearbeitet, ehe er die Firma verließ, um sich den Moody Blues anzuschließen. Ebenfalls zu hören ist das Mellotron auf Julie Driscools „This wheel’s on fire“ (1968) und auf den beiden Alben der amerikanischen Gruppe Pavlovs Dog.

Sehr intensiv mit den Möglichkeiten des Mellotrons auseinander gesetzt hat sich auch der ehemalige „Softmachine“-Drummer Robert Wyatt, der es sowohl auf seinen beiden Soloalben „Rock Bottom“ und „Ruth is stranger than Richard“ als auch auf den beiden LPs mit der Gruppe „Matching Mole“ einsetzte und dessen Stück „Caroline“ (von der ersten LP) zu den schönsten Mellotron-Nummern gehört, die ich kenne.

Mellotron – Das Mellotron M 400

1970 kam diejenige Version des Instruments auf den Markt, das sich zur populärsten entwickeln sollte: das einmanualige Mellotron M 400 mit 35-Tasten-Keyboard (damaliger Preis des Gerätes in Deutschland übrigens – laut Dirk Matten vom Synthesizerstudio Bonn – ca. 10.000 DM,-).

Dieses 55kg schwere, in den Farben Weiß (Lack) oder Braun (Naturholz) erhältliche Gerät wurde – nicht zuletzt durch die indirekte und direkte Werbung von Moody Blues, King Crimson, Rick Wakeman und anderen – zu einem finanziellen Erfolg für Streetly-Electronics. Allerdings wuchsen gleichzeitig mit der Popularität des Instrumentes auch die Probleme der Firma. Die Musikergewerkschaft entschied sich nämlich dafür, das Instrument zu boykottieren und den Einsatz des Mellotron in den Medien zu verhindern.

Zur gleichen Zeit führte ein finanzieller Streit mit dem Vertrieb des Instrumentes (Dallas Music) zum Zusammenbruch der Firma Mellotronics. Das war der Teil der Firma, der von der Eric Robinson-Organisation geführt wurde. Dies führte zu einer extrem merkwürdigen, ja geradezu lächerlichen Situation: Während der Hersteller Streetly-Electronics nach wie vor durchaus liquide war und fortfuhr, die Instrumente zu bauen, war der offizielle Empfänger (sprich Vertrieb) gezwungen, die Geschäfte von Mellotronics einzustellen. Der Name Mellotron wurde kurzerhand an eine amerikanische Firma verkauft.

Diese spezialisierte sich darauf, existierende Instrumente zu reparieren, stellte die Instrumente jedoch nicht her. Die Firma der Bradleys durfte ihre Instrumente ab diesem Zeitpunkt nicht mehr unter dem Namen Mellotron verkaufen.

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